Tagwesblänggli, Üblital

Grenzen und Schafe.

Tagwesblänggli

Wem gehört das Land? – Besitztum und Grenzen

«Tagwen» ist der glarnerische Name für Bürgergemeinde. Ein Tagwen umfasste die im Gebiet der Ortgemeinde wohnhaften Tagwensbürger, also Bürger mit Heimatrecht an diesem Ort. Das Tagwesblänggli, ein Wiesenband auf 810 Metern über dem linken Ufer des Särft, muss also in Tagwensbesitz gewesen sein. Tagwen (von Tagwerk) werden schon im Säckinger Urbar erwähnt, so z.B. «der tagwan der lüte ze Swanden». In Engi wurde der Tagwen 1995 mit der Ortgemeinde vereinigt und diese am 1. Januar 2011 in die neue Gemeinde Glarus Süd überführt.

Auch der Name «Allmeind», umgangssprachlich «Allmei», weist auf früheren gemeinsamen Besitz hin. Eine Allmeind ist ungeteiltes Gemeindeland, also Allgemeinbesitz. Drei Gebiete tragen in Engi diesen Namen und sind z.T. heute noch im Besitz der Gemeinde: Die Allmei zwischen Mülibach und Allmeistrass, die Allmeind am rechten Sernfufer in der Au und die im Mettle gelegene Allmeind, welche 1408 von der Gandalp abgetrennt wurde.

Einstige Besitztümer der Kirche Matt sind der Chilchewald und das Chilcheweidli im Gebiet Mattbrunne. Vom Lagechopf auf 1180 Metern am Gufelstogg aus konnten, weil man dort einen guten Überblick hatte, Bodenbesitzverhältnisse geklärt werden (siehe Lach, Looge, Lage). So ist das Gebiet Zueteil zwischen Linde und Oberbergli ursprünglich ein jemandem zum Holzen zugeteiltes Stück Wald. Die Wechselblangge, ein Grashang auf 2360 Metern am Gufelstogg wurde abwechslungsweise von zwei benachbarten Sennten bestossen.

Auf frühere Durchlässe in Weidezäunen weisen die Flurnamen Türli und Türliallmeind im Gebiet Hugeten hin. Die Gamstürliruus, über dem Gamser Chessel gelegen, weist auf einen Durchlass zwischen den Weiden des Üblital und denen von Gams hin, noch heute gibt es dort ein Gatter. Auch der Name Mürli im Gebiet Bode zeigt, dass Weiden abgegrenzt wurden. Von einer Gebietsgrenze erzählt der Name des Chrüzblattezug, eines Lawinenzugs, welcher die Grenze zur Gemeinde Schwanden bildet. Der Name geht auf eine frühere Grenzmarkierung, ein Kreuz auf einer Steinplatte, zurück.

Üblital

Wo Schafe weideten – Flurnamen aus romanischer Zeit

Romanisch «ovil», altglarnerisch «übel» bedeutet Schafhütte, Pferch, Stall. «Üblen» ist eine Mehrzahlform, im Üblental (Alpbrief von 1416), heute Üblital, standen also mehrere Schafpferche oder Hütten. Übelis, von Romanisch «ovilins», ist eine Verkleinerungsform. Auf Übelis, der Terrasse über dem Üblisserwald auf 1900 Metern, stand wohl ein Schafställchen oder ein kleiner Pferch. Das ganze Mülibachtal hiess ursprünglich Üblital. Heute werden mit diesem Begriff die Weiden der Unterstafel auf 1190 Metern bezeichnet, der Mülibach heisst an dieser Stelle noch Üblibach. Ein Eintrag im Säckinger Urbar «Von uebelen Öwe ab den hofstetten» lässt vermuten, dass im 14. Jahrhundert im Üblital einige «Heimetli» standen. Eine Hofstatt ist ein kleines Heimwesen, ein Haus mit etwas Umschwung. Die spätere verkürzte Bezeichnung von Hofstatt lautet Hoschet. Im Dorf Engi gibt es mehrere Hoschtet- und Höschetli-Liegenschaften; auch der Dorfteil Stettli ist wohl eine gekürzte Form von Höschetli.

Der Name «Üblital» wird vom Romanischen «ovil», der Bezeichnung für Schaf, abgeleitet.

Die Begriffe «übelis», «üblen» sind von den alemannischen Zuwanderern übernommen, aber auch übersetzt worden: Im gleichen Gebiet, unterhalb der Glattmatt, liegt die Örtlichkeit Schaffäri, was ebenfalls Schafpferch bedeutet. Auch andere deutsche Schaf-Namen weisen auf frühere Schafhaltung hin: Schäferthisewäldli (ein Schäfer Mathias Marti hat 1787 bis 1854 in Engi gelebt), Schafgadebänggli und Widersteiner («Widder» = Schafbock).

Weitere ursprünglich romanische Flurnamen in Engi, obwohl oft nicht mehr als solche erkennbar, sind: Chummeberg, (von Lateinisch «cumba» = Mulde), Figlerbode (von Lateinisch «foculare» = Feuerstätte, heute Unterstand, kleiner Schopf), Gams (früher Gambs, von Lateinisch «campus» = Feld; könnte später umgedeutet worden sein: zu Gemse gehörig), Erlegand (Romanisch. «gand» = mit Felstrümmern bedecktes Gelände), Gufel (von lat. «cubulum» = Lagerstätte, Unterstand für das Vieh), Hädiloch (von Lateinisch «haedus» = Ziegenbock), Oreberg (von Romanisch «ora» = am Rande gelegene Liegenschaft, Matt), Stafel (von Lateinisch «stabulum» = Lagerstätte, Platz bei der Sennhütte).

Es ist davon auszugehen, dass im Sernftal Romanischsprachige siedelten, bevor alemannische Gruppen zuwanderten. Sprachwissenschafter nehmen an, dass über lange Zeit, bis ins 11. Jahrhundert, Zweisprachigkeit herrschte und dass die beiden Sprachgemeinschaften sich gegenseitig beeinflussten. Aus dieser Zeit stammen auch die mittelalterlichen «Hüttenmäler». Es sind Heidestäfeli genannte Mauerreste, Wüstungen von Alphüttchen und Pferchmauern, die man über dem Cholgruebewald, unterhalb der Glattmatt und über der Chammwand findet: Zeugen früher, in Einzelsennerei betriebener Alpwirtschaft.

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