Fritz Vögeli-Marti
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Fritz Vögeli-Marti, *1933, Jona. Das Interview wurde am 22. Mai 2004 geführt.
Unsere Familie wohnte in der Mühle, gegenüber dem Gasthaus «Sonne». Dort befand sich auch die Haltestelle Engi-Hinterdorf der Sernftalbahn. Kein Wunder, dass die Bahn in meiner Kindheit und in meinem Leben eine grosse Rolle spielte! Die Faszination durch die Bahn wurde durch meinen Grossvater und meinen Vater, beides begeisterte Hobby-Eisenbähnler, verstärkt. In unserem und in des Grossvaters Haus stand je eine Hobby-Eisenbahn. Zudem arbeitete der Vetter Thes bei der Sernftalbahn. So fiel meine Berufswahl fast automatisch auf den Bubentraum Lokomotivführer, und das blieb ich auch bis zu meiner Pensionierung.
In meiner Kinderzeit gab die Sernftalbahn den Rhythmus des Tages an. Wann immer ein Zug fällig war und wir nicht in der Schule sassen, waren wir Kinder in der Nähe. Wir schauten, wer aus- und einstieg und welcher Wagenführer und Kondukteur im Zug waren. Wurden Güter auf die Rampe ausgeladen, gingen wir etwas näher heran, um zu erkunden, was es sein könnte. Sogar am Abend, wenn wir schon im Hause bleiben mussten, konnte die Ankunft eines Zuges nicht unbemerkt bleiben. Wir besassen nämlich ein Radio, vor dem mein Vater oft des Abends sass, um sich eine Sendung anzuhören. Nahte ein Zug, so «chnotzerte» es dermassen im Radio, dass man kein Wort mehr verstand und sogar der Vater über die Bahn ungehalten wurde.
Es gab auch besondere und wiederkehrende, interessante Ereignisse. Das Ein- und Ausladen von Vieh anlässlich der Viehmärkte war jeweils für uns Kinder das reinste Fest. Besonders gefiel es uns, wenn ein Stück Vieh einfach nicht die Rampe hochlaufen wollte. Die verschiedenen, nicht immer zarten Versuche der Bahnangestellten, das «Viech» in den Wagen zu kriegen, interessierten und belustigten uns.
Wir wussten auch, wer am Morgen chronisch in letzter Minute oder zu spät kam. Dazu gehörte meine Tante Edith. Je nach Wagenführer wurde für sie bei der Weberei Hinterdorf ein Spezialhalt eingelegt. Dieses Ereignis wurde prompt zu Hause rapportiert.
Unvergesslich bleibt mir, wie der Vetter Thes einmal mit einem Leerwagen von Elm nach Engi fahren musste und mich in Engi-Hinterdorf fragte, ob ich mitfahren wolle. Und ob ich wollte! Ich durfte ganz vorne im Wagenführerstand stehen und konnte durch das Fenster direkt auf die Geleise sehen. In Engi-Vorderdorf hatte Vetter Thes Pause und musste später mit einem anderen Zug wieder nach Elm fahren. Wieder durfte ich bis Engi-Hinterdorf mitfahren und mich zuvorderst hinstellen. Nichts entging meinen Blicken. Ich war begeistert und habe diese Fahrt nie vergessen.
Unauslöschlich bleibt mir auch der 12. Januar 1954 in Erinnerung. Der 12. Januar ist mein Geburtstag, aber nicht nur meiner. Einer meiner Klassenkameraden, der Hugeten-Chueret, hatte auch an diesem Tag Geburtstag. Geburtstage wurden bei uns in der Regel nicht gross gefeiert, aber 1954 hatten Chueret und ich etwas Grosses vor. Wir wollten nach der Arbeit miteinander im Restaurant «Sonne» unseren Geburtstag begiessen. Chueret arbeitete bei der Sernftalbahn, und deshalb wollte er nach Arbeitsschluss mit der Bahn bis ins Hinterdorf fahren, wo ich auf ihn warten sollte. Ich wartete und wartete, aber Chueret kam nicht. Am Abend zuvor, am 11. Januar, war nämlich in der Warth ein Lawinenunglück geschehen. Fünf Bahnangestellte, die mit Schneeräumarbeiten beschäftigt waren, waren von einer Staublawine überrascht und verschüttet worden. Chueret war unter den Verschütteten. Zum Glück konnten alle gerettet werden, aber Chueret vergass über dem Unglück unsere Geburtstagsfeier. So war es auch dieses eine Mal nichts mit Feiern.
Für uns Buben war das Stumpengeleise in Engi-Hinterdorf ein wichtiger Spielplatz. Dort durften wir nicht nur zuschauen, sondern konnten mit gut Glück aktiv Bähnler spielen. Das Stumpengeleise führte vom Hauptgeleise, auf der Seite unseres Hauses, Richtung Engi-Vorderdorf weg. Es war ziemlich lang und hatte am Ende einen Prellbock. Das Stumpengeleise war so lang, weil es auch zum Rangieren diente. Mussten zwei Züge in Engi-Hinterdorf kreuzen, so fuhr der Zug, der zuerst in Engi-Hinterdorf ankam, ins Stumpengeleise hinaus. Dort wartete er, bis der Zug aus der Gegenrichtung angekommen und abgefertigt war. Dann konnte er aufs Hauptgeleise zurückfahren und seine Fahrt fortsetzen. Während dieses Manövers musste die Weiche viermal umgestellt werden. Im Normalfall stellte der Kondukteur die Weichen. Wir Buben standen nahe dabei und wussten genau, wie man die Weiche umstellen musste. Nun konnte es aber bei der letzten Fahrt, um 20.30 Uhr, sein, dass nur ein Einmannwagen im Einsatz war. Der Wagenführer musste dann, um die Weiche umzustellen, jedesmal den Wagen verlassen und zur Weiche laufen. Je nach Wagenführer konnte es geschehen, dass einer der grösseren Knaben die Weiche umstellen durfte. Das war für uns das höchste der Gefühle. Der Auserkorene stand unter uns Knaben in hohem Ansehen.
Hie und da standen auf dem Stumpengeleise leere Güter- oder Kohlenwagen. Die Kohle für die Weberei Hinterdorf wurde mit der Bahn gebracht. Der Chauffeur Heiri kam dann mit dem Lastwagen der Weberei und zwei bis drei Männern. Diese schaufelten die Kohle aufs Auto, fuhren zur Fabrik, entluden die Kohle in den Keller, kamen wieder und wiederholten die gleiche Arbeit, bis die Kohlenwagen entleert waren. Danach blieben die leeren Kohlenwagen auf dem Stumpengeleise stehen. Das war unsere grosse Zeit! Obschon das Stumpengeleise relativ flach war, hatten wir Buben doch gemerkt, dass, bei gelöster Bremse, die Wagen ein paar Meter von selbst fuhren und dann still standen. So vergewisserten wir uns zuerst, ob der Vorstand Martin Baumgartner im Büro sei oder nicht. Er hatte nämlich nicht den ganzen Tag Dienst, sondern ging zwischen der Ankunft von zwei Zügen oft nach Hause. War er nirgends in Sicht, lösten wir die Bremsen und schoben die Wagen mit vereinter Kraft bis zum Prellbock. Einer von uns musste auf den Wagen bleiben und, sobald wir die Wagen bis zum Prellbock geschoben hatten, die Bremse anziehen. Dann stiegen wir alle auf den Wagen, die Bremse wurde gelöst – und los ging die paar Meter Fahrt. Dann begann alles wieder von vorne. Wir merkten vor Begeisterung und Eifer oft nicht, dass der Vorstand in der Zwischenzeit aufgetaucht war. Er ermahnte uns, dieses Spiel zu unterlassen. Aber er war kein böser oder grober Mensch und verstand wahrscheinlich unsere Begeisterung. Mir ist ein bleibendes Andenken an diese wunderbaren Fahrten mit den Kohlenwagen geblieben, eine Narbe am Hinterkopf. Wahrscheinlich war ich damals der Kleinste unter den Buben. Ich muss nahe bei der Bremse gestanden haben. Beim Lösen der Bremse musste man den Bremsschwirbel mit der Hand festhalten. Entglitt er einem, so drehte er sich mit grosser Geschwindigkeit von selbst. Das passierte eines Tages. Da traf mich der Schwirbel am Kopf, schlug mir eine Wunde, und die Narbe ist mir geblieben. Schliesslich gab es dann andere Bremsen, bei denen der Schwirbel entfernt werden konnte. Der Vorstand nahm den Bremshebel von da an mit aufs Büro, und die ganze Herrlichkeit war dahin.
Es blieb uns aber noch anderes. Hie und da legten wir einen roten Räppler auf die Schiene, um zu erproben, wie er nach der Zugsdurchfahrt aussehe. Wir freuten uns an der neuen, zerquetschten Form, die er angenommen hatte.
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