Didi Blumer
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Didi (Katharina) Blumer, 1927-2015, Engi. Das Interview wurde am 21. November 2003 geführt.
Ich wuchs im Bühl in Engi auf, nahe bei der Sernftalstrasse, durch die auch die Sernftalbahn fuhr. Sie gehörte von meinem ersten Lebenstag an zu meinem Leben. Das Quietschen, das die Sernftalbahn bei bestimmten Kurven erzeugte, ist meinem Gehör wie eingebrannt. Höre ich, selbst in einer Stadt, das Quietschen eines Trams, so steigen in meinem Innern unweigerlich Bilder der Sernftalbahn auf. Finden andere dieses Geräusch grässlich, so ist es für mich die schönste Musik.
Von Kind her erinnere ich mich noch an die offenen Chriesi-Wagen, die an der Landsgemeinde und an der Kilbi fuhren. Ganz besonders gefielen mir die Litzen, die oben befestigt waren und die hin- und herflatterten. Durfte ich einmal in einem Chriesi-Wagen fahren, war ich überglücklich.
Natürlich kannten wir auch die Bahnangestellten, vor allem die Streckenarbeiter. Im Winter schaute ich ihnen oft durchs Fenster zu, wie sie mit Schaufel und Pickel gegen Schnee und Eis kämpften. Wenn es viel Schnee hatte und dreinregnete, konnte die Bahn nicht mehr fahren. Dann kam eine ganze Schar Männer. Ich sehe sie heute noch vor meinen Augen, in ihren Überpelerinen. Sie mussten den Geleisen entlang Eis und Schnee entfernen. Auch wenn die Arbeit streng war, habe ich doch die Vorstellung, es sei bei ihr gemütlicher als heute zu- und hergegangen. Hie und da konnten sie ein Wort miteinander sprechen oder eine Pfeife anzünden. Das Arbeitstempo war nicht von der heutigen Hektik und vom Tempo einer Maschine geprägt, sondern den menschlichen Möglichkeiten angepasst.
Eindruck machte mir jeweils der Turmwagen, auf den die Männer steigen mussten, um an der Oberleitung etwas zu reparieren.
War es gefroren, so bildete sich zwischen den Schienen ein Eisbuckel. Da die Strasse nicht in der ganzen Breite vom Schnee befreit wurde, mussten die wenigen Autos, die hin und her fuhren, zwischen die Schienen ausweichen. Natürlich mussten die Autofahrer den Fahrplan kennen, und sie fuhren nur dann, wenn kein Zug auf der Strecke war. Eines Winters lud mich Mathias Speich ein, mit ihm nach Hause zu fahren. Mit der rechten Seite fuhr das Auto zwischen den Schienen. Als wir an einer breiteren Stelle hinausfahren wollten, kamen wir nicht über den Eisbuckel hinweg. Wir mussten beide aussteigen und schieben, und wir hatten etliche Mühe, das Auto neben die Schienen zu bringen.
Ich fuhr lange Zeit mit dem Zug zur Arbeit, zuerst von 1951 an nach Luchsingen und von 1961 an nach Glarus. Zuerst gab es bei der Sernftalbahn noch die alten Wagen. Meist war der Zug gut gefüllt, weil alle mit der Bahn zur Arbeit fuhren. Oft war er überfüllt, und ich musste stehen. Ganz schlimm war es, als die Oberleitung erneuert wurde. Da konnte nur ein Motorwagen fahren. Ich erinnere mich, wie ich im Winter einmal vorne beim Zugführer stehen musste. Es war bitter kalt und zog bei den Türritzen grässlich herein. Ich erkältete mich, und ich verstand, weshalb die Zugführer im Winter so dicke Mäntel und Handschuhe trugen. Die Männer im Führerstand hatten es wirklich hart.
Mir gefiel im Allgemeinen die Fahrt mit der Sernftalbahn. Wir waren immer eine Clique zusammen. Oft strickten wir und plauderten über alles, was uns in den Sinn kam. Wir freuten uns jeden Morgen, einander wieder zu sehen. Wir haben immer noch Freude, wenn wir uns zufällig treffen. Heute setzt sich beim Bahnfahren meistens jede Person in ein eigenes Coupé, und keine schaut die andere an. Verbindungen, die jeden Tag gepflegt werden, gibt es nur noch selten. Es gab auch besondere Ereignisse. So war in Matt noch der Bäcker Bäbler. Er selber backte vor allem Brot oder Zopf und Mureli, aber keine Stückli1. Die Zwanziger-Stückli brachte Leni Kubli von einer Konditorei in Glarus. Wir freuten uns schon, wenn wir die grosse Schachtel sahen, die Leni trug. Jetzt hatten wir erste Wahl. Wir kauften Leni ein oder zwei Stückli ab und genossen die seltenen Leckerbissen. Das waren schöne Zeiten.
Wir konnten am Abend, nach der Arbeit, in Glarus wohl den Siebenuhrzug erreichen. Aber in Schwanden fuhr der Zug ins Sernftal erst um ein Viertel nach 8 Uhr. War das Wetter schön, wanderten wir oft bis zur Warth und setzten uns dort noch auf ein Bänklein, bis die Sernftalbahn kam. Wollte uns eines der spärlichen Autos mitnehmen, sagten wir: «Nein, danke, wir laufen lieber.» Manchmal hatte eine von uns Birnen oder ein paar kleine Chrämli. Die teilten wir untereinander und plauderten drauflos. Es war wunderbar.
Besuchte man auswärts ein Konzert oder ging an die Kilbi, musste man zu Fuss ins Kleintal laufen. Einmal gingen meine Schwester und ich an die Kilbi nach Elm. Vater hatte uns gesagt, wir müssten mit dem letzten Zug um 8 Uhr nach Hause kommen. Eine Freundin lud uns zu ihrer Tante zum Nachtessen ein, und anschliessend gingen wir noch tanzen. Als wir endlich auf dem Heimweg waren, begann es zu regnen, und wir kamen mitten in der Nacht, ganz durchnässt, nach Hause. Die Haustüre war verschlossen. Wir machten uns bemerkbar, bis der Vater oben herausschaute und sagte: «Ihr könnt wieder heimkommen, wenn ihr bräver geworden seid.» Dann schloss er das Fenster. Aber die Mutter öffnete uns die Türe dann doch.
In der Regel fuhr ein Motorwagen mit Anhänger. Nach der Umstellung auf den Bus hatte der Bus zuerst auch noch einen Anhänger. Das war nötig, es brauchte so viele Sitzplätze. Mit den Jahren kam der Privatautoboom, und noch später reduzierte die Therma die Arbeitsplätze. Heute sitzen oft nur ein paar wenige Personen im Bus. Hoffentlich bleibt er uns erhalten!
Als unser Jahrgang in die Rekrutenschule musste, das war im Jahr 1947, gingen am Fasnachtsmontag sowohl die Gelbruuslaui als auch die Mettlenlaui nieder. Es hatte geregnet, und der Schnee war ganz schwer. Da wurde der Sernf gestaut. Auf unserer Wiese, dem tiefsten Punkt von Engi, entstand ein See. Zum Glück steht unserer Haus etwas am Rain, so dass wir im Trockenen waren. Die Rekruten mussten beim Bühltürli in die Wiese hinaus, denn dort begann der See. Sie gingen dann vor unserem Haus vorbei und dann zum Haus Blesi. Sie mussten bis in die Warth zu Fuss gehen. Von dort brachte sie ein Sernftalbahnwagen nach Schwanden.
Das Gleiche geschah 1999. Wieder staute die Mettlenlaui den Sernf. Es war ein schneereicher Winter, und es gab bis zu drei Meter Schnee. Dementsprechend waren auch die Lawinen mächtig. Das Wasser wurde bis zum Bühltürli gestaut. Die Lawine ging etwa um 16 Uhr nieder. Ich hielt mich in der Küche auf, und plötzlich hörte ich ein merkwürdiges Geräusch. Ich fragte mich, was es wohl sei. Ich begab mich in die Stube, um durch die Fenster nach draussen zu blicken. Aber die Fenster waren ganz gelb. Ich öffnete ein Fenster, und da sah ich, wie sich die Lawine langsam nach unten bewegte. Natürlich wurde mit Baggern sofort versucht, einen Abfluss frei zu machen. Bis zu unserem Haus ist das Wasser noch nie hochgestiegen.
Als ich in Luchsingen beim Tuch Hefti arbeitete, d. h. in den fünfziger Jahren, musste ich auch eines Winters bis in die Warth über die Lawinen steigen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Meine Mutter wollte mich davon abhalten, zur Arbeit zu gehen, und meinte, ich müsse zu Hause bleiben, sonst müsste sie voller Angst sein. Aber da ich sehr gewissenhaft erzogen war, meinte ich, ich könnte doch nicht einfach fehlen, ich müsste zur Arbeit. Am Morgen wurde jeweils von zwei Männern in der Warth die Post geholt. Ich schloss mich daher Fritz Blumer, der die Post holte, an und ging mit ihm bis zur Warth. Dort stand ein Wagen der STB. Als ich in Schwanden ankam, war natürlich die SBB Richtung Linthal abgefahren. Ich musste warten. Inzwischen war zu Hause ein Unglück passiert. Mein Vater beaufsichtigte das Wehr in Engi-Vorderdorf. Da war er just an diesem Morgen mit dem einen Unterarm in eine Maschine geraten. Der ganze Vorderarm war aufgerissen, das Fleisch hing herunter. Mutter versuchte mich zu erreichen. Weil ich aber den Zug nach Luchsingen nicht erreicht hatte, war ich noch nicht in Luchsingen angekommen. Mutter verzweifelte fast. Auch der Transport des Vaters ins Spital war schwierig. Er wurde auf einem Hornschlitten bis in die Warth gebracht und von dort nach Glarus transportiert. – So war Liebes und Leides mit der Bahn verbunden.
Weiter: Jakob Speich-Rhyner-
Ein Mureli ist eine Art Weggen, ein Stückli ein Patisseriegebäck. ↩︎
Beiträge in dieser Serie
- Erinnerungen an die Sernftalbahn
- Kaspar Zentner-Furrer
- Kaspar Marti-Marti
- Die Bähnler
- Heinrich Elmer-Heer
- Fritz Vögeli-Marti
- Hildi Blumer-Lötscher
- Fritz Rhyner-Baumgartner
- Oswald Rhyner-Rhyner
- Ursula Sigrist-Stauffacher
- Didi Blumer
- Jakob Speich-Rhyner
- Didi Speich-Rhyner
- Marie Blumer-Rhyner und Elsbeth Rhyner
- Adelheid Baumgartner
- Hans Marti-Malacarne
- Jakob Kubli-Cia
- Leni Blumer-Altmann
- Mathias Vögeli-Stauffacher
- Katharina Cadonau-Decurtins
- Mathias Blumer-Baumgartner