Marie Blumer-Rhyner und Elsbeth Rhyner

Erinnerungen an die Sernftalbahn.
Von Adelheid Baumgartner.

Es erzählen Marie Blumer-Rhyner, *1942, und Elsbeth Rhyner, 1946-2023, Engi. Das Interview wurde am 10. Juni 2000 geführt.

Jakob Rhyner-Hämmerli (1916–1997), machte eine Lehre als Huf- und Wagenschmied in Rorbas. Sein Vater fuhr mit ihm dorthin, um die Lehrstelle zu besichtigen. Ohne seinen Sohn um seine Meinung zu fragen, liess er ihn gleich dort. Jakob Rhyner kam zuerst fast um vor Heimweh. Da es keinen Lehrlingslohn gab, machte er, wenn er manchmal ein Bier trinken wollte, auf Wunsch den Handstand auf dem Wirtshaustisch oder jodelte für ein Bier. In der Lehre erwarb er sich jedoch viel handwerkliches Können und Geschick. Als er ins Sernftal zurückkehrte, fand er eine Stelle in der Werkstatt, dem Schuppen der Sernftalbahn. Da er Elsbeth Hämmerli aus dem Kummenberg geheiratet hatte, schickte sich alles aufs Beste.

Für Jakob Rhyner war die Sernftalbahn sein Leben. Sein Schicksal meinte es gut mit ihm, dass er mit dem Ende der Bahn nicht gezwungen war, auf den Bus umzulernen, sondern im Kummenberg als Arbeitskraft gebraucht wurde.

Marie und Elsbeth erinnern sich auf mannigfache Weise an ihren Vater. Jakob Rhyner hatte sich ein Motorrad zugelegt, und wenn es sich ergab, warteten seine beiden Töchter nach der Schule auf ihn. So konnten sie zu Dritt nach Hause fahren. Im Winter, wenn es zu kalt war, um im Stall, beim Oberbergli, mit der Mutter das Mittagessen einzunehmen, gingen die beiden Mädchen zum Bahnhof in den Schuppen zu ihrem Vater. Sie waren mächtig stolz auf ihn, dass er etwas von einem Bahnwagen abschrauben und es wieder gut machen konnte. Wenn geschweisst werden musste, nahm der Vater einen Schild vors Gesicht, und die beiden Mädchen mussten hinaus, weil es «zu gefährlich war». Wenn der Vater mit der Arbeit fertig war, gingen alle drei ins Restaurant «Bahnhöfli» zum Mittagessen.

Im Sommer hatte Jakob Rhyner eine geregelte Arbeitszeit; im Winter war es schwieriger. Noch während der Schulzeit von Marie und Elsbeth wurde die Bifangstrasse nicht von der Gemeinde gepflügt. Es gab lediglich einen Trampelpfad bis ins Bergen. Fiel sehr viel Schnee, so schaufelten die Bewohner des Gufelstocks von Zeit zu Zeit den Weg etwas frei. So war Jakob Rhyner meist der erste, der hinunter musste, denn im Winter war seine Arbeitszeit anders. Fiel Schnee, musste er um 4 Uhr morgens beginnen und mit dem Schneepflug fahren. Oft musste er vom Kummenberg an waten. Wenn der Schnee gar zu dicht fiel, versuchte man vom Kummenberg aus auf den Abend hin einen Weg zu schaufeln oder mit einer Kuh und einem selbst gebauten Schneepflug einen Weg zu bahnen.

Der Winter war mit vielen Ängsten um den Vater verbunden. Lange hatte man im Kummenberg kein Telefon und war so im Ungewissen, ob eine Lawine niedergegangen und der Vater etwa darunter gekommen sei oder nicht. Eines Winters geschah es, dass ein Zug der Sernftalbahn von einer Lawine verschüttet wurde. Jakob Rhyner, ds Schmids Sämi und andere Bahnarbeiter befanden sich darin. Jakob blieb unverletzt.

Der Turmwagen, ein gefährlicher Arbeitsplatz.

Am schlimmsten war es, wenn es hiess, die Signalanlage im Stock, die bei einem Lawinenniedergang auf Rot schalten sollte, funktioniere nicht mehr. Dann musste Jakob Rhyner in den Lawinenzug hinaufklettern. Obschon er beweglich und verwegen war, hatten doch alle Angst um ihn. Was konnte nicht alles passieren? So lagen Stolz und Angst im Blick auf den Vater nahe beieinander.

Nachtrag von A. Baumgartner

Mir selber hat Jakob Rhyner folgendes Erlebnis erzählt:

Es war Brauch, dass an der Oberleitung unter Strom gearbeitet wurde, denn die Fahrten mit der Bahn mussten gewährleistet sein. Einmal arbeitete ich auf dem Turmwagen, einem Gerüst, das mit Rädern versehen war und auf den Schienen hin- und herfahren konnte. Irgendwie muss ich mit der Leitung in Kontakt gekommen sein. Auf jeden Fall traf mich ein Schlag und warf mich gegen hinten. Zum Glück hatte ich die Geistesgegenwart, mich mit den Füssen in den Leitersprossen fest zu halten. Zuerst stand ich senkrecht von der Leiter gegen aussen. Dann legte es mich nach unten gegen die Leiter. Zum Glück hatte ich die Kraft, mich immer noch mit den Füssen zwischen den Sprossen fest zu halten. So konnte einer von unten heraufsteigen, unter meinen Rücken kriechen und mir helfen, mich langsam aufzurichten.

Weiter: Adelheid Baumgartner

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