Äso isch es gsi
Von Adelheid Baumartner.
Die Autorin
Adelheid Baumgartner wurde am 1.11.1930 geboren und wuchs zusammen mit einer älteren und einer jüngeren Schwester in der «Allmeind» in Engi auf.
Als Lehrerin wirkte sie zuerst in Sool und dann auf den Weissenbergen ob Matt. Mit dreissig Jahren nahm sie das Studium an der Theologischen Fakultät der Universität Basel auf und amtete nach Abschluss der Studien als Pfarrerin in Uster und später in Volketswil. Nach Beendigung der beruflichen Tätigkeit als Pfarrerin stellte sie sich einer neuen Herausforderung und übernahm zusammen mit drei anderen Theologinnen und Theologen ab Januar 1999 das «Wort zum Sonntag» beim Schweizer Fernsehen SF DRS.
Noch während ihrer Amtszeit kaufte sie sich 1973 einen Hausteil in Sool, den sie bis zum Umzug ins Altersheim im Jahr 2017 bewohnte. Ihre damaligen Nachbarn, Vrini (Verena) und Thümi (Thomas) Juon, sprachen einen ausgeprägt farbigen Glarnerdialekt. Erst bei den Gesprächen mit ihnen stellte Adelheid Baumgartner fest, wieviel von ihrer Muttersprache sie selber bereits verloren hatte. Sie begann, einzelne Wörter und Aussprüche zu notieren.
Angeregt durch unzählige weitere Kontakte und Gespräche, schrieb sie in der Folge Begebenheiten und Lebensgewohnheiten aus ihrer frühesten Jugend sowie aus der Zeit ihrer Eltern und Grosseltern auf. Sie befragte gezielt verschiedene Leute, um möglichst authentische Berichte zu erhalten.
Die Musiker
Anna Rosina Baumgartner-Bäbler
Anna Rosina Baumgartner-Bäbler, die Mutter von Adelheid Baumgartner, kam am 20. Januar 1900 in Matt zur Welt. Rosina und ihre Schwester Euphemia haben das Zitherspielen von ihrer Mutter Adelheid Bäbler-Schiesser gelernt. Diese konnte über hundert Zitherstücke auswendig. Für Kinder fand sich immer etwas Zeit zum Üben. Erwachsene - im Glarnerland waren es mehrheitlich Frauen - spielten meist am Samstagabend zu Hause, etwa, wenn die Ledigen «ds Liecht» kamen, zum Tanz auf oder dann am Sonntag zur eigenen Freude. Während der Woche nahm man sich keine Zeit für solche Vergnügungen; man hatte zu arbeiten.
Rosina Baumgartner verheiratete sich nach Engi. Auch hier pflegte sie hie und da am Samstag- oder Sonntagabend Zither zu spielen, wobei es ihre drei Kinder jeweils sehr genossen, am Abend bei den Zitherklängen ihrer Mutter einschlafen zu können.
Als eine ihrer Töchter das Zitherspiel zu lernen begehrte, benutzte die Mutter meistens die Zeit während des Kochens. Sie spielte dem Töchterchen langsam etwas vor und verschwand dann in der Küche. Von dort aus hörte sie durch das geöffnete «Chuurschtwandtüürli» dem Spiel des übenden Mädchens zu und gab Anweisungen. Je nachdem forderte sie es auf, dasselbe mehrmals zu wiederholen, oder sie kam rasch in die Stube, korrigierte den Fingergriff oder spielte einen neuen Melodieteil vor, bis nach und nach mehrere Stücke beherrscht wurden.
In späteren Jahren, als Rosina Baumgartner schon gegen siebzig ging, spielte sie fast wöchentlich zusammen mit Euphemia Blumer und Anna Rhyner. Eine grosse Zahl ihrer Zitherstücke nahm sie zu jener Zeit auf Tonband auf.
Heinrich Hämmerli
Heinrich Hämmerli, der 1908 in Engi geboren wurde, hat wohl ein gutes Gespür für Musik mit in die Wiege gelegt bekommen. Schon seine Mutter hatte die Glarner-Zithersaiten gekonnt im Griff, und auch seine Schwester spielte die Zither geläufig.
Kaum aus der Schule entlassen und mit dem Erwerbsleben konfrontiert, zweigte er von jedem Zahltag ein paar Franken ab und bewahrte sie in einer runden Spanschachtel auf. Mit diesen hart verdienten Ersparnissen erstand er sich ein Schwyzerörgeli und begann fleissig zu üben.
Noten kannte er nicht. Er spielte nach seinem Gehör, fügte Ton um Ton zu Melodien zusammen und achtete bei seinem Stegreifspiel auf eine gute, saubere Harmonie. So entstand eine grosse Anzahl lüpfiger Tanzweisen, die er im Alter gelegentlich auf Tonband aufgenommen hat.
Das Örgeli wurde zu einem wichtigen Freizeitbegleiter, der ihm einen Ausgleich zur harten Arbeit bot, die er als Bahnmeister bei der Sernftalbahn zu leisten hatte. In seinen letzten Lebensjahren, als sich die Beschwerden des Alters mehrten, hat ihm sein Schwyzerörgeli das Selbstvertrauen und den Lebensmut gestärkt und ihm geholfen, seinen frohen Sinn zu behalten.
Johannes Jenny
Johannes Jenny, der Gründer und Leiter der «Glarner Bauernkapelle», wurde 1885 als Bürger von Sool geboren. Er arbeitete in der Spinnerei Matt, war tüchtig und intelligent und brachte es dort bis zum Meister. Er sei ein schöner Mann mit krausem Haar gewesen, aber «ä Wiiberchaib». Der Umgang mit Geld schien ihm nicht zu liegen. Kaum war von der Arbeit, vom Auftritt mit der Bauernkapelle oder von den selber komponierten Musikstücken etwas Geld vorhanden, verschleuderte er seine Einkünfte.
Seine Frau, Barbara Zweifel von Linthal, hatte es nicht leicht, zumal er 1908 eines Tages eine Arbeit in einer Spinnerei in Landegg im Vorarlberg annahm und mit der ganzen Familie dorthin zog. Auch dieser Aufenthalt war nicht von langer Dauer. Die Jennys wanderten 1910 nach Russland aus, wo Johannes 160 km südlich von Moskau in der in Schweizer Besitz befindlichen Spinnerei und Weberei von Saraisk die Stelle als Obermeister antrat. Hier blieb er bis zum Beginn der Oktoberrevolution im Jahr 1917. Dann folgte die traurige Heimreise. Als die Familie von den Wirren aufgehalten wurde, kehrte Jenny nochmals zurück, während seine Frau Barbara und die Kinder unter schlimmsten Verhältnissen und in grosser Not auf ihn warteten. Schliesslich gelangte die geschwächte Familie ins Glarnerland. Vorübergehend fand sie Aufnahme bei Barbaras Schwester, die in Linthal mit ihren eigenen Kindern eine Dreizimmerwohnung bewohnte. Barbara und zwei Töchter mussten ins Sanatorium Braunwald gebracht werden, sie erholten sich aber nicht mehr von den Strapazen. Nach Barbaras Tod heiratete Jenny 1924 Regula Dürst von Matt, geboren in Sool.
Er spielte weiterhin seine Musik, und die Gemeinden rissen sich zur Zeit der Kilbenen um Jennys Glarner Bauernkapelle. In Linthal zum Beispiel spielte die Kapelle meistens im «Adler». Der Adlerwirt besass Pferde und Wagen, und so liess er die Musiker jeweils von einem Spielknaben mit einem Zweispänner am Bahnhof abholen und im Dorf herumfahren. Sie spielten sitzend im Gefährt, nur Jenny stand als einziger, alle anderen überragend, und spielte die Klarinette. Die Schwester seiner ersten Frau Barbara schloss jeweils die Fenster; sie mochte die Musik nicht hören.
Beiträge in dieser Serie
- Äso isch es gsi
- Wäschtag
- Heimarbet und werche ide weberii
- Altjaaraabed und Nüüjahr
- Wases für Sorte Lüt ge hät
- Glarner Bauernkapelle: Finsterwalder Sängermarsch
- Vum Esse und Tringge
- Anna Rosina Baumgartner-Bäbler (Zither): Am Fämmi sis Tänzli
- Ds Fämmi und ds Ääfi
- Anna Rosina Baumgartner-Bäbler (Zither): Am Ääfi siine
- We me de Lüüte gseit het
- Heiri Hämmerli (Schwyzerörgeli): Ds Hofmes Tänzli
- Singe, tanze und ds Liecht guu
- Anna Rosina Baumgartner-Bäbler (Zither): Etz hani ds Glügg ufd Stege gstellt
- Vum Laufe