Katharina Cadonau-Decurtins
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Katharina Cadonau-Decurtins, *1922, Warth. Das Interview wurde am 20. Januar 2000 geführt.
Solange ich in die Therma zur Arbeit ging, fuhr ich jeden Tag mit der Sernftalbahn nach Schwanden. Im Winter konnte ich manchmal mit dem Schlitten vom «Sternen» bis zur Therma fahren. Der Schlitten lief gegen die Therma hin langsam aus. Ich fuhr nahe bei den Geleisen, denn dort war die Strasse glatt. Kam aber die Bahn, musste ich zur Seite hin ausweichen.
Wenn der Zug überfüllt war, durfte man auch im Zweitklasswagen sitzen, aber nur, wenn kein Passagier drin war. Dort waren die Sitze gepolstert und mit Plüsch oder Manchester überzogen. Mir gefielen die Holzbänke und die hölzernen Gepäckträger aber ebenso gut. Ganz selten konnte man im Gepäckwagen fahren, aber nur im äussersten Notfall. Dort musste man stehen, konnte sich aber an Schlaufen, die von der Decke baumelten, halten. Die Bähnler hatten es nicht gern, wenn Leute im Postwagen waren, wegen der Post. Einmal sagte einer: «Rührt ja nichts an und nehmt nichts!» Da sagte ich: «Ich nehme nur so viel, wie ich zu tragen vermag.» Alle lachten. Ich erzog meine Buben dazu, dass sie aufstehen sollten, wenn Erwachsene einstiegen und der Platz knapp war; vor allem bei den Frauen sollten sie aufstehen. Mein kleinerer Sohn sagte eines Tages zu mir: «Heute ist eine Dame in den Zug eingestiegen, da bin ich sofort aufgestanden.»
Es gab auch noch die Viehwagen. Gab es Vieh zum Aus- oder Einladen, zogen sich die Bähnler eine blaue Bluse über die Uniform an, damit sie nicht schmutzig wurden. Es wurde eine Rampe zum Viehwagen geschoben. Meist war es nicht leicht, das Vieh in den Wagen zu bringen. Viele Tiere sträubten sich und taten dumm. Ein Bähnler zog dann von vorne, und einer schob von hinten.
Aus der Warth arbeiteten eine Zeitlang acht Personen in der Therma, ich, zwei Personen von Heftis, drei von Schiessers und zwei aus dem «Sternen». Früher konnte man die Sernftalbahn von der Warth aus sehen, wenn sie durch den Stock fuhr. Meistens gab der Wagenführer dort auch ein Pfeifsignal. Das war der letzte Moment für uns, um zur Haltestelle Warth zu eilen. Eines Tages hatten wir diesen Moment verpasst. Wir rannten senkrecht den Hang zur Strasse hinunter. Der Boden dieses Rains ist lehmig; immer fliesst dort Wasser hinunter. Unsere Schuhe blieben stecken, und unsere Kleider waren nass und mit Schmutz bespritzt. Der Wagenführer sah uns und hielt mitten auf der Strecke an. Alle im Zug lachten und riefen uns zu: «Hopp, hopp!» Wir stiegen ein, und schon hiess es: «Steht früher auf, ihr Warthner!» Dabei arbeitete ich vom Morgen früh bis am Abend spät. In der Therma musste ich mich zuerst sauber machen, so gut es ging. Heute wäre so etwas nicht mehr möglich. Wenn ein Busfahrer jemanden herbeieilen sieht, wartet er zwar, aber es ist doch nicht mehr die gleiche Verbundenheit wie früher.
Während vielen Jahren hielt die Sernftalbahn bei der Therma; so hatten wir es zum Arbeitsplatz nicht weit. Plötzlich aber hiess es, die Bahn dürfe nur bei der Station halten. Warum, weiss ich nicht mehr. Zeit zum Halten wäre sicher übrig gewesen, denn die Fahrpläne waren nicht so genau aufeinander abgestimmt wie heute. Wollte man nach Glarus, musste man meistens zwanzig Minuten warten.
Im Winter konnte es geschehen, dass wegen der niedergegangenen Lawinen im Stock die Arbeiter aus dem Sernftal nicht zur Arbeit kommen konnten oder in Schwanden bleiben mussten. Manche schliefen dann während der kritischen Zeit im Schwanderhof. Andere fanden bei Mitarbeiterinnen Unterschlupf. Bei mir übernachtete auch für ein paar Nächte eine Frau Marti aus Engi.
Als wir wussten, dass die Sernftalbahn aufgehoben werden würde, war ich sehr traurig. Ja, ich trauere ihr immer noch nach, aber es war nicht zu ändern. Der aufkommende Autoverkehr und der Bau des Panzerwaffenplatzes auf Wichlen liessen keine andere Lösung zu. Ein paar Wochen vor der letzten Fahrt war ich mit meinen Kindern am Sernf unten, beim kleinen Brüggli. Plötzlich hörte ich das vertraute Geräusch der Sernftalbahn. Zwischen den Bäumen sah ich sie daherfahren. Mir wurde schwer und traurig zu Mute, wie beim Abschied von einer Person, die man geliebt hat. Da schrieb ich ein Abschiedsgedicht:
Abschied von der Sernftalbahn
Durchs liebe Glarnerland,
geführt von treuer Hand,
schlingt sich die Sernftalbahn
ja täglich streng heran.
Am steilen Hang vorbei,
dass Gott jetzt bei dir sei.
Wo die Lawine braust
und auch der Bergwind haust.
Wo Hirsch und Murmeltier
hier leben im Revier.
Der Jäger auf der Tour
sucht seine Beute nur.
Von Schwanden bis nach Elm,
mit Hut und auch mit Helm,
der Wanderer gar viel
du leitest hin zum Ziel.
Gabst Platz auch gar so gern
dem Verehrer aus der Fern,
zum lieben Vaterhaus
zurück vom Weltgebraus.
Nun musst du von uns gehn,
auf Nimmerwiedersehn.
So tief trifft uns der Schmerz.
Das arme treue Herz!
Fährst du dem Bach entlang
und hörst der Wellen Sang
auf deinem letzten Gang.
Mir wird das Herz so bang.
Bei der letzten Fahrt wurden alle Gedichte und Zeichnungen in der Bahn aufgehängt, und man sagte zu mir, ich müsse auch mitfahren. Aber mir war so schwer, dass ich zu Hause blieb. Ich ging auf meine Kammer. Von dort aus konnte ich die Sernftalbahn sehen. Als sie in der Warth vorbeifuhr, pfiff sie zum letzten Mal für mich. Die Tränen stiegen mir in die Augen, und ich weinte.
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