Adelheid Baumgartner
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Adelheid Baumgartner, *1930, Sool. Aufgeschrieben im November 2000.
Mein Vater, Matthäus Baumgartner (1898–1966), arbeitete seit dem Austritt aus der Schule bis zu seinem Tod bei der Sernftalbahn. Er liess nichts über die Sernftalbahn kommen. Als einmal ein paar Burschen am Schalter in Engi «Hongkong retour» verlangten und mein Vater sich eben im Schalterraum aufhielt, regte er sich zu Hause über eine solche Frechheit furchtbar auf. Auch das Spott-Liedchen «Häbed ech am Bänggli, häbed ech am Bänggli, ds Chliital- Bähndli macht es Ränggli» hörte er gar nicht gerne. Ich bin froh, dass er das Ende der Sernftalbahn nicht mehr miterleben musste.
Mein Vater arbeitete sowohl im Fahr- und Kondukteurdienst als auch im Depot. Soweit ich mich erinnere, hatte er meist Frühdienst, d. h. er musste mit dem ersten Zug von Elm nach Schwanden fahren. Da er in Engi wohnte, fuhr er zuerst mit einem Leerwagen nach Elm. Der erste Zug verliess Elm um 5.18 Uhr. Um 10 Uhr vormittags kam der Vater zum ersten Mal nach Hause. Am Nachmittag arbeitete er von 13 Uhr bis 17.30 Uhr. Vater hatte wöchentlich einen Tag frei. Einmal monatlich fiel der freie Tag auf einen Sonntag.
Als Kind interessierten mich alle Sachen, die zu Vaters Arbeit an der Sernftalbahn gehörten, die Bahnuniform und die Tasche. Die erste Uniformjacke, an die ich mich erinnere, hatte einen Stehkragen, der am Rand mit weissen «Chrälleli» eingefasst war und vorne links und rechts ein Abzeichen besass, ein Rad mit Flügeln. In die Seitennähte der Hosen war eine andersfarbige, schmale Stoffmarkierung eingenäht. Die Mütze war steif, vorne mit einem glänzenden Schirm versehen. Mich interessierten vor allem die weissen «Chrälleli» und das Abzeichen. Gerne hätte ich ein Abzeichen für mich gehabt und auch von den «Chrälleli» ein paar. Aber gab es einmal eine neue Uniform, so behielt Mutter alle Teile der alten Uniform, um sie als Flickmaterial für die neue in Vorrat zu haben. Wir Kinder durften die «Chrälleli» an der Uniformjacke auch nicht berühren, weil sie sich relativ leicht lösten und das Flicken eine knifflige Sache war.
Die beiden Pfeifen, die zur Ausrüstung gehörten, zogen mich magisch an. Sie waren an einem Schuhbändel mit etwas Abstand zueinander angeknüpft. In einem Knopfloch der Uniformjacke festgemacht, führte der Bändel zur Brusttache der Jacke, wo die Pfeifen drinsteckten. Die eine Pfeife war aus geschwärztem Holz; aus ihr ertönte das Abfahrtssignal. Die andere war aus Metall; ein Röhrchen führte zu einem kugeligen Pfeifenende. Sie wurde Schrillpfeife genannt. Mit ihr wurden die Signale für das Rangieren erzeugt. Durch die verschiedene Form und das unterschiedliche Material hatte jede dieser beiden Pfeifen eine andere Klangfarbe. Man brauchte nicht hinzuschauen, um zu merken, aus welcher Pfeife ein Signal ertönte. Für die Benutzung der Pfeifen gab es ein Signalreglement. Ich erinnere mich noch gut ans Rangieren mit den alten Wagen. Ich schaute als Kind mit Verwunderung zu, vor allem, wenn Vater bei den beiden Wagen stand, die verbunden werden mussten. Zuerst stand er neben den Geleisen und zeigte dem Fahrer mit den Händen an, wie nahe die beiden Züge beieinander seien. Die Schrillpfeife hatte er oft von Anfang an im Mund und pfiff dann, je nach Erfordernis, die verschiedenen Signale: Vorwärts: einmal kurz; Rückwärts: zweimal kurz; Halt: dreimal kurz. Die Kupplung an den alten Wagen war eine sog. Becherkupplung; die beiden Pufferbecher konnten mit einem Kuppeleisen verbunden werden. War dieses mit dem sog. Nagel im Puffer des Motorwagens befestigt, fuhr der Motorwagen langsam auf den anzuhängenden Zug zu, bis das Kuppeleisen in den anderen Trompetenpuffer eingefahren war. Oft musste der Bahnangestellte, der neben den Wagen stand und mit seiner Pfeife das Manöver dirigierte, zwischen die Wagen treten, um dem Kuppeleisen im letzten Moment die erforderliche Richtung zu geben. Das war nicht ungefährlich. Ich erinnere mich, dass man vom Höfli-Läri sagte, er sei einmal bei einem missglückten Manövrieren zwischen den beiden Wagen eingeklemmt worden. War es aber geglückt, wurde der Nagel auch auf der Seite des angehängten Wagens eingestossen, und die Wagen wurden mit den beiden Notketten gesichert. Ein Sicherheitskettchen wurde auch am Lufthahnen festgemacht, und die beiden Luftschläuche wurden zusammengehängt. Dann war das Manöver fertig. Der Fahrer kontrollierte noch, ob die Bremsen funktionierten, und dann war alles zur Abfahrt bereit.
Und da war noch die Bahntasche. Sie war ein schweres, ledernes Ding. Die älteste Tasche, an die ich mich erinnere, hatte oben einen Metallbügel mit Schnappverschluss. Sie war mit lauter Kostbarkeiten gefüllt. Geld war drin, alte Billette und eine Messingrolle, aus der verschiedenfarbige Papierchen hervorguckten, an denen ich gerne gezupft hätte. Auf einer Seite der Tasche war die Billettzange in einen ledernen Querriemen eingesteckt. Jeder Bähnler hatte sein eigenes Lochzeichen, rund oder quadratisch oder ein Kreuzlein usw. So konnte man an der Form des Lochs jederzeit ablesen, wer das Billett geknipst hatte. Aber alle Dinge, die zu Vaters Beruf gehörten, durften wir drei Kinder nicht berühren. Sie gehörten ausgesprochen dem Vater und der Bahn. Nur wenn der Vater uns selber die Mütze aufsetzte, konnte eines von uns Kindern in der Stube umherstolzieren. Ausnahmsweise durften wir auch einmal in die eine der Pfeifen blasen oder die schwere Tasche aufheben und ein paar Schritte nachschleppen. Es erfüllte mich jeweils mit Stolz, wie stark mein Vater sein musste, der diese Tasche ohne weiteres zu tragen vermochte.
Später, als ich schon zur Schule ging und das Geld kannte, durfte ich Vater jeweils bei der Monatsabrechnung helfen und bekam so den Inhalt der Tasche zu Gesicht. Die Abrechnung war immer ein schwieriger Moment. Die während der Fahrt ausgegebenen Billette und der Betrag in der Bähnlertasche mussten übereinstimmen. Ich durfte das Geld nach Münzsorten sortieren und je zu einem Franken aufschichten. Oft klappte es nicht auf Anhieb. Hatte es ein paar Rappen zuviel, war es nicht weiter schlimm; aber ein paar Rappen zu wenig bedeuteten eine Katastrophe. Machte mein Vater beim Ausfüllen der dazu gehörigen Liste einen Fehler, wurden wir mäuschenstill, denn das war ein ganz kritischer Moment. Wir besassen nämlich keinen Radiergummi. Der Vater versuchte mit Speichel, mit Brot, schliesslich mit dem Bügeleisen den Fehler auszubügeln. Schliesslich konnten wir nicht mehr an uns halten und platzten vor Lachen.
Für mich war die Arbeit des Vaters mit grossen Ängsten verbunden. Als ich gut drei Jahre alt war, nahm er mich einmal auf eine Fahrt von Engi nach Schwanden mit. Ich durfte allein im gepolsterten Zweitklasswagen1 sitzen und konnte meinen Vater durch das Fenster der Wagentüre am Führerstand sehen. Mir war es unheimlich zu Mute; krampfhaft hielt ich mich am Sitz fest. Die Funktion der Schienen war mir noch nicht einsichtig, und so hatte ich das Gefühl, dass der Wagen irgendwohin fahren könnte, und hoffte, dass mein Vater den Weg finden würde.
Später nahm mich der Vater ins Depot mit, und ich konnte in den dunklen Gang hinunterblicken, von dem aus die Wagen von unten repariert werden konnten. Sogar das Maschinenhaus durfte ich einmal betreten, denn die Bahnangestellten konnten dort Früchte und Bohnen dörren. Mutter gab mir ein Stoffsäckli mit, in dem ich unsere Apfelstückli abholen sollte. Das Maschinenhaus war das Reich vom «Disch». Er liess mich ausgiebig alles anschauen. Die Generatoren machten mir mächtig Eindruck. Erklärungen wurden Kindern damals keine abgegeben.
Das Gefühl der Angst um Vater hat sich später vor allem auf den Winter konzentriert. Fiel eine Menge Schnee, so klopfte es mitten in der Nacht an die Dachrinne, und dann musste mein Vater aufstehen und mit dem Schneepflug fahren. Nie wusste man, ob der Vater nicht unter eine Lawine gekommen war. Wenn es an die Dachrinne klopfte, kroch ich vor Angst meist unter die Decke. So konnte ich wieder einschlafen.
Merkwürdigerweise erinnere ich mich nicht mehr an den Unfall von 1936 in der Warth. In der Kurve beim «Sternen» entgleiste ein Güterwagen, der mit Zement beladen war. Nachdem er wieder auf das Geleise gehoben und im Stumpengeleise abgestellt worden war, versagte beim nachherigen Manöver die Handbremse. Mein Vater und der Depotchef waren auf dem Wagen und versuchten verzweifelt, diesen zu bremsen, doch vergeblich. Der Depotchef fühlte sich, von seiner Position her, verpflichtet, auf der Plattform des Wagens zu bleiben. Er sagte aber zum Vater: «Thes, spring ab, denn du hast drei kleine Kinder.» Da sprang mein Vater vom fahrenden Wagen. Der Wagen fuhr weiter, entgleiste und stürzte den Abhang hinunter. Der Depotchef war erheblich verletzt. Vater hatte keine Verletzungen. Allerdings schmerzte ihn von da an das eine Bein von Zeit zu Zeit. Ich erinnere mich, dass er in diesem Zusammenhang vom Unfall erzählte.
Für das Kraftwerk der Sernftalbahn bestand ein kleines Reservoir gegenüber der Bäckerei Hefti. Dort hatte Vater die zusätzliche Aufgabe der Wartung des Rechens übernommen. Er musste von Zeit zu Zeit den Rechen säubern, d. h. Blätter und Äste etc. herausfischen. Einmal, im Winter, brach der morsche Boden unter dem Vater ein. Mit Mühe und Not konnte er sich aus dem Wasser ziehen und Halt für die Füsse finden. Es war Winter und bitterkalt. Obschon es bis zu unserem Haus nur ein paar Schritte waren, kam Vater ganz durchnässt und mit halb gefrorenen Kleidern nach Hause. All das hat in der Kindheit den Eindruck der Gefährlichkeit der Arbeit meines Vaters und meine Angst um ihn verstärkt.
Natürlich musste Vater auch beim Aus- und Einladen der Güter und beim Umladen des Viehs helfen. Ich erinnere mich, dass er erzählte, wie ein Stier einmal begonnen habe, wild zu werden. Das war kein Spass. Keiner wollte sein Leben riskieren. Es gelang, den Stier im Freien irgendwo anzubinden. Sie berichteten dem Hugeten-Sämi, er solle nach Schwanden kommen und seinen Stier selber holen. Sämi liess ausrichten, er schicke das Meitli. Alle dachten, ob Sämi wohl von allen guten Geistern verlassen sei. Das Marili, damals ein halbwüchsiges Mädchen, kam, und der Stier lief hinter ihm her wie ein Hündli. Alle staunten. Aber der Stier war eben Marilis Stier, den es von jung an «gesaugt» und besorgt hatte und der ihm deshalb in allem gehorchte.
Vater kannte alle Sernftaler und Sernftalerinnen. Es machte ihm keine Mühe, mit verschiedenen Menschen umzugehen. Er selber war ein ruhiger, umgänglicher und dienstfertiger Mensch. In all den Jahren hatte er auch «ein Auge» für die verschiedenen Passagiere entwickelt. So war er etwa der Meinung, dass jede Person sich für eine Bahnfahrt sauber und ganz kleiden sollte, und wenn jemand «verhudlet» wegfuhr, regte er sich auf. Er liebte es, wenn jemand wie aus dem «Trüggli» verreiste. Auch von Personen, die jeden Tag zur Arbeit fuhren, erwartete er, dass sie ihre Kleider flickten. So konnte er sich über Frauen aufhalten, die eine ganze Woche lang mit der gleichen Fallmasche in die Bahn einstiegen und den Strumpf nie flickten. Auch gereinigte Schuhe waren ihm wichtig. Um seinem Ideal zu entsprechen, bürstete und wichste er seine Schuhe oft selber.
In seiner freien Zeit kümmerte sich der Vater um das Beschaffen des Holzvorrats für den Winter. Das war seine Erholung. Im Wald war er glücklich, ging er doch meist dorthin ins Holz, wohin er schon als Kind gegangen war. Oft brachte er ein paar Blumen aus dem Wald mit.
War der Vater zu Hause, hatte er es gerne ruhig. Er musste früh zur Arbeit und war ständig unter Menschen. So hatte er in der Freizeit ein grosses Bedürfnis nach Ruhe. Über Mittag legte er sich aufs Sofa und ruhte aus. Im Winter lag er am Abend oft auf dem Ofen. Ich denke, seine Arbeit war mit grosser Kälte verbunden, denn der Führerstand war nicht geheizt. So mussten die Wagenführer den ganzen Tag in der Kälte ausharren. Natürlich schützte man sich. Unter die Bähnlerkappe kam eine Züttelkappe. Die Männer trugen unter den dicken Winterhosen so genannte Strümpfe, die aber nur bis zu den Knien reichten und mit Sockenhaltern befestigt waren, und lange Unterhosen. Hatte es frisch geschneit, wurden die grünen, aufgerauten Wadenbinden über den Schaft der Schuhe bis weit in den Unterschenkel hinauf umgewickelt und festgebunden. So konnte kein Schnee in die Schuhe eindringen. Zusätzlich konnte man Überstrümpfe darüber ziehen. Das waren zwei Rohre aus dickem, verfilztem Wollstoff, die vorne in eine Lasche ausliefen. Unter dem Knie wurden sie festgebunden, und die Lasche hielt mittels eines Gummibandes, das sich unter der Schuhsohle hinzog, fest. Vater hatte weder die Wadenbinden noch die Überstrümpfe besonders gern. Sie hielten nach ein paar Stunden meist nicht mehr so tadellos fest, wie sie sollten, und während der Arbeit blieb keine Zeit, um beides wieder in Ordnung zu bringen. Zum Schutz gegen die Kälte gab es auch einen sehr schweren, gefütterten Bähnlermantel. Aber in einem kalten Winter mit Minustemperaturen drang wohl die Kälte im Laufe eines Tages bis auf die Knochen. Der warme Ofen sollte Vater am Abend etwas aufheizen. Wir drei Mädchen verstanden das Bedürfnis des Vaters nach Ruhe und Wärme nicht immer. Da wir auf der Stubenkammer, direkt über dem Ofen, schliefen, hätten wir natürlich besonders ruhig sein sollen. Aber uns war nicht immer danach zu Mute. Der Vater klopfte jeweils an die Decke, wenn wir mit Jubel, Trubel, Heiterkeit nicht aufhören konnten. Hatte er das dritte Mal geklopft, wussten wir, dass es jetzt ernst galt. Als wir einmal auch dies missachteten, kam der Vater mit einem Bürdelischeit in die Kammer und sagte uns, wenn wir nicht ruhig seien, gebe es eins auf den Hintern. Ich sagte mir, dass ich zum Glück nicht neben der Türe mein Bett habe und, falls der Vater sein Vorhaben in Tat umsetze, längst aus dem Bett geflohen sei, bis er zu mir komme.
Rund um den Bahnhof Engi-Vorderdorf gab es verschiedene, von den Eltern «verbotene» Attraktionen. Ein besonderer Anziehungspunkt war das Bahn-WC. Meist waren wir zwei oder drei Mädchen, «Gschpili», zusammen, wenn wir uns entschlossen, das WC aufzusuchen. Es stand, ein hölzernes Häuschen, dem Bahnhof gegenüber auf der anderen Seite der Sernftalstrasse. Es war ein echtes WC, d. h. Wasser-Closett; denn unter dem hölzernen Sitz mit dem runden Loch in der Mitte, floss ein richtiges Bächlein, das ein paar Schritte weiter in den Sernf mündete. Wir warfen Steine, Blätter oder Zeitungspapier hinunter. Das Zeitungspapier lag zum Gebrauch auf dem «Hock». Gebannt schauten wir, wie das Wasser die Dinge wegtrug. Der Höhepunkt war, wenn eines der Mädchen «musste», besonders Dickes. Kaum war das Geschäft erledigt, sprang das Mädchen vom Sitz auf. Alle hofften, es müsste doch möglich sein, das «Geschäft» davonschwimmen zu sehen. Aber, oh weh, das Bächlein war immer geschwinder als wir. Wenn Vater oder Mutter von unserem Besuch hörten, sagten sie, das WC sei nur für Leute, die bei der Bahn arbeiteten oder die Bahn benutzten. Für Kinder sei die Benutzung nur im Notfall gestattet. Zum Glück gab es bei uns immer einen Notfall.
Eine andere Attraktion war der Brunnen an der Südwand des Bahnhofs. Neben dem Brunnen hing ein gusseiserner Becher an einer Eisenkette. Daraus zu trinken war streng verboten, wer weiss, womit man sich da hätte anstecken können! Aber nur ein Schluck konnte doch nicht schaden, davon würde man doch wohl nicht sterben! Probiert musste sein.
Und weil der Wartsaal, der nur für Reisende gedacht war, gleich so nahe war, wurde der auch noch für ein paar Momente aufgesucht. War zwar der Vorstand, der «Störi», im Büro, blieben wir nur einen Moment. Zu kurz, als dass Störi schimpfen würde, aber doch lang genug, um zu sehen, ob er die Backen aufblase. Störi hatte nämlich einen Tick. Er blähte immer die Backen auf und blies. Diesen Anblick liessen wir uns nie entgehen.
Oft wurden unsere Bahnhofbesuche durch einen Gang zur «Hürbi», jenseits der Brücke, abgerundet. Wir wühlten in den hingeworfenen Schätzen und hofften, etwas Kostbares zu finden. Hatten wir Glück, so nahmen wir den Schatz mit, obschon wir wussten, dass unsere Mütter, unverständlicherweise, keine Freude an Hürbikostbarkeiten hatten.
Die Sernftalbahn fuhr nicht allzu rasch. Als Sekundarschüler machten sich vor allem die Buben einen Spass daraus, mit dem Velo ebenso rasch zu fahren wie die Bahn. Sie zu überholen galt als Heldentat. Schwierig waren bloss die Stellen, wo die Schienen die Strasse überquerten. Da galt es weder mit der Bahn zu kollidieren noch in die Rinnen der Schienen hineinzugeraten und so zu verunfallen. Einst war, während der Kriegsjahre, ein junger, hübscher Lehrer als Stellvertreter an der Sekundarschule in Matt. Alle Mädchen schwärmten für ihn. Eine Klassenkameradin sagte eines Morgens, sie sei gestern nach der Schule von Matt bis Engi immer neben der Sernftalbahn gefahren und hätte immer den jungen Lehrer anschauen können. Wir anderen Mädchen waren wütend und neidisch auf sie.
Unser Haus an der Allmeind war wie ein Aussichtsturm. Als Kinder liebten wir es hinauszublicken, wenn die Leute von der Bahn kamen. Wir registrierten, wer ausnahmsweise verreist war, und es nahm uns wunder, wo wer gewesen sei und weshalb. Wir kannten aber natürlich auch alle, die mit der Bahn zur Arbeit fuhren. Wenn jemand mehr als zwei Tage nicht zur gewohnten Zeit vom Zug die Allmeind hoch kam, fragten wir uns, was wohl los sei.
So gehörte die Sernftalbahn in das Leben unseres Vaters und in meine Kindheit.
Weiter: Hans Marti-Malacarne-
Bei der Sernftalbahn gab es nur zweite und dritte Klasse; die Zweitklasswagen wurden vom Volk oft als «erste Klasse» bezeichnet. ↩︎
Beiträge in dieser Serie
- Erinnerungen an die Sernftalbahn
- Kaspar Zentner-Furrer
- Kaspar Marti-Marti
- Die Bähnler
- Heinrich Elmer-Heer
- Fritz Vögeli-Marti
- Hildi Blumer-Lötscher
- Fritz Rhyner-Baumgartner
- Oswald Rhyner-Rhyner
- Ursula Sigrist-Stauffacher
- Didi Blumer
- Jakob Speich-Rhyner
- Didi Speich-Rhyner
- Marie Blumer-Rhyner und Elsbeth Rhyner
- Adelheid Baumgartner
- Hans Marti-Malacarne
- Jakob Kubli-Cia
- Leni Blumer-Altmann
- Mathias Vögeli-Stauffacher
- Katharina Cadonau-Decurtins
- Mathias Blumer-Baumgartner