Leni Blumer-Altmann
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Leni (Magdalena) Blumer-Altmann, 1924-2014, Engi. Das Interview wurde am 18. November 2003 geführt.
Mein Vater, Fritz Altmann-Stauffacher (1892–1968), kam 1917 als 25jähriger zur Sernftalbahn. Vorher war er jeweils im Sommer «dz Alp». Von Anfang an arbeitete er bei der STB an den Geleisen, in der Gruppe, die dem jeweiligen Bahnmeister unterstand.
Am schlimmsten war für alle der Winter, ganz besonders für die Männer, die an der Strecke arbeiteten. Sie mussten an erster Stelle darum besorgt sein, dass sie offen blieb. In strengen Wintern waren sie Tag und Nacht auf den Beinen. Sie fanden oft nicht manche Stunde Schlaf. Schneite es ununterbrochen, mussten sie auch ununterbrochen hin- und herfahren. Sie teilten dann die Nacht in zwei Schichten ein. Spätestens um 4 Uhr musste einer wieder auf die Strecke, damit die Geleise für den ersten Zug frei waren. Die meisten, die auswärts arbeiteten, hatten ihren Arbeitsplatz in der Therma, und die mussten rechtzeitig mit der Arbeit beginnen.
Mein Vater musste hie und da auch die Aufgaben des Streckenwärters übernehmen. Er musste jeden Morgen von 4 Uhr an von Engi nach Schwanden die Geleise ablaufen und kontrollieren, ob alles in Ordnung sei. In der dunkeln Jahreszeit nahm er eine Karbidlampe mit. War das Geleise blockiert, etwa durch einen Stein, so entfernte der Vater diesen, falls er nicht zu schwer war. Sonst musste man Hilfe holen oder den Zug anhalten. War alles in Ordnung, kam der Vater mit dem nächsten Zug wieder nach Engi zurück und nahm das Morgenessen ein.
Für die Arbeit auf der Strecke hatte man eine Art Güterwagen mit Motor. Darin war das Werkzeug untergebracht. Im Winter konnte der Schneepflug vorne montiert werden. Es gab zwei Arten von Schneepflügen. Der kleinere, «der Spitz», war zum Freimachen der Geleise bestimmt, mit dem grösseren hingegen wurde ein Teil der Strasse geräumt, damit auch Fussgänger und Fuhrwerke Platz hatten. Der Motorwagen stiess einen offenen Güterwagen vor sich her, an welchem der grosse Pflug befestigt war. Damit der Güterwagen beim Räumen der Strasse nicht aus dem Geleise gedrückt wurde, war er mit Bahnschienen beladen. Die Arbeit mit dem Strassenpflug war ein grosses Theater. Die Schienen der Sernftalbahn waren in der Strasse verlegt und führten an manchen Stellen, so etwa in Matt oder beim «Murer-Schang»1 in Engi- Hinterdorf, ganz nahe an den Häusern vorbei. So mussten die Arbeiter immer wieder aussteigen und je nachdem den Winkel des Schneepflugs kleiner oder grösser machen, den Sperrbalken lösen und nachher wieder festmachen. Zuerst fuhren sie immer mit dem kleinen Schlitten und dann erst mit dem grossen. Der Strassenpflug hätte gar nicht allen Schnee auf einmal wegschieben können.
Eines Winters war es so kalt, dass sie auf der ganzen Strecke zuerst das Eis aufpickeln mussten, bevor sie mit dem Schlitten fahren konnten. War eine Lawine niedergegangen, mussten alle verfügbaren Männer beim Schneeräumen mithelfen. Es waren oft bis gegen hundert. Sie machten nicht ungerne mit, denn sie verdienten dabei ein paar Rappen. Mein Vater hatte die Elmer unter sich und musste ihnen die Arbeit zuteilen. Waren sie zwischen Matt und Elm fertig, halfen sie, wenn nötig, auch weiter vorne beim «Schorren».
Einmal war ein ganz schlimmer Tag; es schneite und stürmte ununterbrochen. Die Lawinensituation war prekär. Ich hatte dann jeweils grosse Angst um meinen Vater. Gegen Abend kam er kurz heim und sagte: «Ich rechne, dass wir während der ganzen Nacht Schnee räumen müssen. Bringe mir etwa um 10 Uhr eine Thermosflasche mit Kaffee zum Bahnhof hinunter.» Die Mutter machte den Kaffee, und ich ging zum Bahnhof Engi-Vorderdorf. Der Güterwagen kam. Er war vom Schnee ganz verklebt und sah aus wie ein Schneehaus auf Rädern. Der Zug hielt an. Ich gab dem Vater die Thermosflasche in den Wagen hinein – und wer stand denn da vorne? Es war Walter Spälty, der damalige Verwaltungsratspräsident. Die Männer waren alle übermüdet, durchfroren und in gedrückter Stimmung. Auf mich machte es damals grossen Eindruck, dass Walter Spälty mitfuhr. Er hätte ja schliesslich in seiner Villa im warmen Bett bleiben können. Stattdessen blieb er, wie die Arbeiter in Überstrümpfen und einem dicken Tschoopen, die ganze Nacht bei ihnen. Ich vergass das nie und rechnete es ihm hoch an, weil er in einer schwierigen Situation die Arbeiter nicht im Stich gelassen hatte.
Der Begräbnistag von Hermann Däster-Wyss, dem Grossvater von Hermann Däster-Leuzinger, war auch ein stürmischer Schneetag. Die Streckenarbeiter kamen zwischen Engi-Vorderdorf und Engi- Hinterdorf mit ihrem Wagen nicht weiter. Sie mussten ihre Werkzeuge zu Hilfe nehmen. Da stiessen sie plötzlich auf eine Frau, die in einer Wächte steckengeblieben und schon halb eingeschneit war. Es war die Frau vom Bühl-Kobi, die Grossmutter von Anni und Didi Blumer. Sie war auf dem Weg von der Beerdigung in Matt nach Hause. Die Schneefälle waren so heftig, dass es für sie kein Weiterkommen mehr gab. Wären die Streckenarbeiter nicht unterwegs gewesen, wäre sie ganz eingeschneit worden und wahrscheinlich in der Nacht erfroren.
Wenn ich zurückdenke, muss ich sagen, dass die Sernftalbahn aufs Ganze gesehen hundert Schutzengel hatte. Die Männer, die an der Bahn arbeiteten, gingen, vorab im Winter, manchmal haarscharf am Tod vorbei. Mein Vater erzählte einmal, wie sie wegen der Meissenbodenlawine mit knapper Not aus dem Wagen springen und davonlaufen konnten.
Im Winter hatte mein Vater oft nur eine Viertelstunde zum Essen Zeit. Er zog dann die Schuhe gar nicht aus, und die Mutter legte ihm eine Türvorlage unter die Schuhe, damit nicht alles nass wurde.
Oft war er den ganzen Tag in nassen Kleidern. Natürlich hatten sie die schweren Doppelmäntel, die einige Kilo wogen. Aber auch diese waren nicht wasserundurchlässig und wurden durch die Feuchtigkeit umso schwerer. Die hagebuchenen Hosen waren hingegen im Sommer nicht ideal, da waren sie viel zu dick. Die Schuhe mussten für die Arbeit geeignet sein. Es waren genagelte Hochschuhe. Für meinen Vater machte sie der Schuhmacher Davi im Unterhaus. Die Schuhe waren nicht gefüttert. Mein Vater fütterte darum die Schuhe im Winter mit Zeitungen aus, und wenn er am Abend heimkam, stopfte er die nassen Schuhe ganz mit Zeitungen aus, um sie zu trocknen. Aber es konnte doch geschehen, dass er am Morgen wieder in die feuchten Schuhe schlüpfen musste und sie ein paar Tage nicht trocken brachte. Fast alle hatten ja nur ein Paar Schuhe und kein zweites zum Wechseln.
Eines Winters versuchte das Militär mit Minenwerfern die Meissenbodenlaui auszulösen. Die Bahnarbeiter mussten durch den tiefen Schnee alles Material ins Geisstal hinaufbuckeln. Der Versuch brachte nicht viel. Die Meissenbodenlaui kam, wann sie wollte.
Im Frühjahr mussten die Arbeiter im Stock den grossenLauizug abschreiten und die losenSteine zum Teil nach unten befördern oder irgendwie sichern. Zum Teil war das aber eine müssige Massnahme. Mein Vater sagte oft, wenn alle einmal im Lauizug gewesen wären, würde mancher die Sernftalbahn nicht mehr besteigen.
Auch im Sommer konnte es hart werden. Die Arbeit an den Geleisen war an sich streng, aber in heissen Sommern war es oft kaum zum Aushalten. Vater kam dann oft wie gesotten heim. Ich weiss noch, dass sie in einem der heissen Sommer am Morgen sehr früh mit der Arbeit anfingen und dann über die Mittagszeit eine lange Pause machten, um der grössten Hitze auszuweichen. Sie waren halt sommers und winters dem Wetter ausgesetzt.
Einmal hatte mein Vater einen schweren Unfall. Er war mit anderen Männern auf dem Turmwagen, um einen Neuanstrich auszuführen. Da streifte ein am Wagen befestigtes Brett ein Gebäude, und der Turmwagen kippte um. Der Seiler-Heiri, der damals noch jung war, konnte hinunterspringen. Mein Vater und Heinrich Hämmerli, der Vater von Au-Hans, von Fritz und Vreni, fielen hinunter. Mein Vater fiel auf den Schotter, Heinrich dagegen auf die Geleise. Heinrich war schwer verletzt. Er konnte nie mehr arbeiten und musste an Stöcken gehen. Just an diesem Tag war ich aus der Schule zu einer Freundin, statt nach Hause, gegangen. Ich wusste, dass meine Mutter damit nicht einverstanden gewesen wäre. Als ich nach Hause kam, näherten sich eben ein paar Männer von der Seidenwindi her mit einer Bahre unserem Haus. Darauf lag mein Vater. Ich erschrak, meinte, er sei vielleicht tot, und hatte sofort ein schlechtes Gewissen und dachte: «Jetzt bist du schuld, weil du unerlaubterweise zur Freundin gegangen bist.» Vater erholte sich wieder, aber eine gewisse Schwäche im Rücken blieb. Wir waren aber dankbar, dass er bei dem Unfall so gut weggekommen war2.
Der Lohn war ja nicht gross. Gut, niemand erwartete damals eine grosse Entlöhnung, aber die Bahnarbeiter mussten wenn nötig «allzeit bereit» sein, ob es nun Sonntag war oder nicht. Der Samstag war ja auch noch nicht frei. Als andere Betriebe am Samstag frei hatten, machten die Streckenarbeiter auch einen Versuch. Aber der Chef sagte, das sei unmöglich. Mein Vater, der 77 Jahre alt wurde, hat es nach seiner Pensionierung doch noch erlebt, dass der Samstag frei wurde.
Etwas war schön. Beide Bahnmeister, unter denen mein Vater arbeitete, waren gute Männer, sowohl Leonhard Hämmerli als auch Heinrich Hämmerli. Als Leonhard Hämmerli 1939 starb, wurde auch mein Vater angefragt, ob er nicht Bahnmeister werden möchte. Aber das Befehlen und Vornedranstehen war ihm nicht gegeben. In der Gruppe waren ds Chüechnechtä-Mathis, der Siitli-Peter (später arbeitete er im Schuppen), der Dittli, für eine Weile auch der Egg-Heiri und im Laufe der Jahre auch noch andere. Untereinander hatten sie es gut; es gab selten Differenzen. Sie waren wie zusammengeschweisst, denn sie wussten, dass sie im Notfall auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen waren, und das machte aus ihnen beinahe eine Bruderschaft.
Natürlich hatten sie auch ihre kleinen Abwechslungen, wenn sie auf der Strecke am Grampen waren, und erlaubten sich vor allem jüngeren Frauen gegenüber hie und da einen Spass. Das Gemsberg-Lili war eines ihrer Opfer. Sie hatten das Gefühl, es wäre Zeit, dass es sich verheiraten würde, und so foppten sie es immer deswegen, sobald sie es sahen. Wenn es dann darüber ungehalten wurde, hatten sie die grösste Freude.
Im Aufgabenheft meines Vaters war auch der Ablösungsdienst im Schuppen, entweder in Engi- Vorderdorf oder in Schwanden. In Engi musste jederzeit eine Person im Schuppen sein. Die Güter aus der Weberei wurden zuerst noch mit einem Fuhrwerk, durch den Ochsen-Schaagg und Tagwenvogts Thes, und später mit einem Auto, durch den Chauffeur- Heiri, an den Bahnhof Engi-Vorderdorf gebracht. Dort wurden die Kisten und Stückgüter in die Sernftalbahn eingeladen und in Schwanden in die SBB umgeladen. Dasselbe geschah mit den Platten aus dem Plattenberg. Auch die Milch wurde täglich per Bahn transportiert und musste ein- und umgeladen werden. Die Steine aus der Bitzi wurden durch eigene Arbeiter umgeschichtet. Oft war es Giroldi, der diese Arbeit machte. Ein Sernftalbahngüterwagen wurde auf einem Stumpengeleise in Schwanden neben einen SBB-Güterwagen gestellt, und dann wurden die Steine von Hand umgeschichtet.
Viel Arbeit gab es auch während der Viehschauen. Da musste das Vieh in den Dörfern eingeladen und in Schwanden umgeladen werden. Das Umgekehrte geschah am Abend nochmals. Da kam es dem Vater zugute, dass er von der Alpwirtschaft her wusste, wie er mit dem Vieh umgehen musste. Die Elmer hatten eine Zeitlang einen schweren Prachtsstier, der weit herum bekannt war. Nicht alle wollten diesen Stier umladen, gab er doch sofort bedrohliche Laute von sich, wenn man ihm näher kam. Mein Vater verstand es, auch mit diesem Vieh zurechtzukommen. – Am anderen Tag mussten natürlich die Viehwagen gereinigt werden.
Mein Vater arbeitete während vierzig Jahren bei der Sernftalbahn und war deshalb mit diesem Betrieb verwachsen. Er starb im Jahr, bevor die Umstellung auf den Bus kam. Ich weiss nicht, wie er es empfunden hätte, wenn er gesehen hätte, wie statt der Sernftalbahn die Busse hin- und herfuhren.
Weiter: Mathias Vögeli-StauffacherBeiträge in dieser Serie
- Erinnerungen an die Sernftalbahn
- Kaspar Zentner-Furrer
- Kaspar Marti-Marti
- Die Bähnler
- Heinrich Elmer-Heer
- Fritz Vögeli-Marti
- Hildi Blumer-Lötscher
- Fritz Rhyner-Baumgartner
- Oswald Rhyner-Rhyner
- Ursula Sigrist-Stauffacher
- Didi Blumer
- Jakob Speich-Rhyner
- Didi Speich-Rhyner
- Marie Blumer-Rhyner und Elsbeth Rhyner
- Adelheid Baumgartner
- Hans Marti-Malacarne
- Jakob Kubli-Cia
- Leni Blumer-Altmann
- Mathias Vögeli-Stauffacher
- Katharina Cadonau-Decurtins
- Mathias Blumer-Baumgartner