Hildi Blumer-Lötscher
Von Adelheid Baumgartner.
Es erzählt Hildi (Hildegard) Blumer-Lötscher, *1929, Engi. Das Interview wurde am 19. Oktober 2004 geführt.
Für den Wagenführer und den Kondukteur gab es in Elm, Engi oder Schwanden oft eine längere Wartezeit, bis der nächste Kurs zu fahren war. In Schwanden bestand ein kleiner Raum in der ehemaligen Dependance des Hotels «Bahnhof», in dem sich die Bähnler aufhalten konnten. Dieses Zimmer war aber schlecht heizbar und deshalb gerade dann, wenn man es gebraucht hätte, unbrauchbar; im Sommer konnte man ja schliesslich draussen warten. So pflegten die Bähnler, vorab bei kaltem Wetter, während der Wartezeit eine Wirtschaft aufzusuchen und einen Kaffee oder Most zu trinken. Diese Wirtschaften lagen in der Nähe der Bahnhöfe. In Elm und in Engi war es das «Bahnhöfli», in Schwanden die «Krone». Der Wirt des «Bahnhöflis» in Elm betätigte sich nebenbei als Coiffeur. War die Wartezeit bis zur Abfahrt des Zuges lange genug, so konnte man sich bei ihm gleich die Haare schneiden lassen. Die drei Wirtschaften erfüllten eine wichtige Funktion im Alltag des Bahnpersonals.
Hildegard Blumer war Serviertochter im « Bahnhöfli» in Engi. Sie erzählte folgendes:
Ich kam durch einen Zufall nach Engi. Wir führten zu Hause in Pratval im Domleschg auch eine Wirtschaft. Als die spätere Wirtin des «Bahnhöflis» Engi, Didi, noch jung war und mit Nachnamen Marti hiess, arbeitete sie bei uns als Serviertochter. Ich war damals noch ein Kind. Didi verheiratete sich, wurde Frau Freitag und Wirtin im «Bahnhöfli» in Engi. Ich wuchs heran, machte ein Lehre, arbeitete und überlegte mir, ob ich nicht im Welschland eine Stelle suchen solle, um richtig Französisch zu lernen. Da rief Didi Freitag an, es sei in der Klemme, ob ich ihm nicht für zwei Monate aushelfen könnte, in dieser Zeit würde es dann eine neue Hilfe suchen. Ich war damals zu Hause, weil meine Mutter krank gewesen war. So passte es mir, nach der Krankheit der Mutter und vor der Suche nach einer Stelle im Welschland zwei Monate in Engi zu servieren.
Ich fuhr am 2. Januar 1951 zum ersten Mal in meinem Leben nach Engi. In diesem Winter hatte es viel Schnee. Als ich mit der STB Richtung Warth und Engi fuhr, wurde es mir recht unheimlich zu Mute. Links stieg es steil an, und rechts fiel es steil hinunter, bis zum Sernf, und gleich ging es wieder steil gegen den Freiberg hinauf. «Wo sollen denn da Menschen leben können?», fragte ich mich. Auf der Höfliegg atmete ich auf; das Tal wurde weiter. Am Bahnhof Engi erwartete mich das Didi – und schon waren wir im «Bahnhöfli». Aber auch hier schien es mir recht merkwürdig. Sollten die wenigen Häuser das ganze Dorf sein? Schaute ich zum Fenster hinaus, trafen meine Blicke wieder auf eine steile Bergflanke. Es kam mir alles hart und eng vor. «Hier bleibe ich nicht lange», dachte ich, «wenn mich mein Vater sähe, würde er mich gewiss gleich wieder nach Hause nehmen.» – Und jetzt bin ich immer noch hier!
Ich bezog mein Zimmer und wollte früh zu Bett gehen, denn von der Reise und den neuen Eindrücken war ich müde. Zudem hatte ich ja zu Hause über das Alt- und das Neujahr durchgearbeitet. Ich hörte aber, dass unten Betrieb war, und plötzlich wurde ich nach unten gerufen. Die Wirtschaft war voller Männer in dunkeln Kitteln, es war ja der Berchtelistag, also ein halber Sonntag. An einen solchen Anblick war ich mich nicht gewohnt; es kam mir merkwürdig und düster vor. Es brauchte einige Momente, bis ich merkte, dass da mancher ein Bähnler in seiner Uniform war. Sie pflegten am 2. Januar im «Bahnhöfli» auf ein gutes, neues Jahr miteinander anzustossen. So sah ich all die Gesichter an einem Abend, von denen ich in der Folge jeden Tag das eine oder das andere sehen sollte. Bähnler und Bahn waren mir gar nicht vertraut, lag doch bei uns zu Hause der Bahnhof eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Hier war der Bahnhof ganz nahe, die Weiche fast vor der Gasthaustüre, und Bähnler in Uniformen gingen im « Bahnhöfli» aus und ein. Mit der Zeit lernte ich sie besser kennen, und die verschiedenen Charaktere wurden mir vertraut wie der Bahnmeister Heiri Hämmerli, dr Allmei-Frigg, ds Schiferdeggers Thes und viele andere. Ich lernte sie schätzen. Ich sah auch, wie streng sie arbeiten mussten und wie vor allem im Winter ihre Arbeitsstunden nicht gezählt wurden. Oft kam der eine oder der andere nach der Arbeit noch auf einen Sprung ins «Bahnhöfli», meist auf das Wochenende hin. Der eine trank einen Most, der andere ein Zweierli. Sie plauderten miteinander, und nach einer Weile nahmen sie den Weg nach Hause unter die Füsse.
Über den Winter assen Jakob Rhyner und oft auch seine beiden Töchter im «Bahnhöfli». Der Weg nach Hause in den Kummenberg war über die Mittagszeit im Winter nicht zu bewältigen. Die Gäste bekamen einfach vom gleichen Essen, das Didi für die Familie gekocht hatte. Didi kochte gut und reichlich, damit es für eventuelle Gäste auch noch genug zu essen gehabt hätte. Es hatte jeden Tag eine währschafte Suppe bereit, manchmal auch Teigwaren, die es nur abbräteln musste, oder gesottene Kartoffeln, die es rasch verarbeiten konnte. Es konnte richtig gute Kost auftischen: Speck und Bohnen, Kartoffelsalat mit Wienerli, gute Suppe mit Schüblig und Brot oder Wähen.
Wollten mehrere Personen im «Bahnhöfli» essen, musste das Essen bestellt werden. Das konnte im Winter der Fall sein. War viel Schnee gefallen, so wurden alle Männer zusammengetrommelt, die verfügbar waren, um die Geleise vom Schnee zu befreien. Manche Männer kamen von weit her und konnten unmöglich über die Mittagszeit nach Hause, um zu essen, und wieder zur Arbeit zurückkehren. Für diese wurde im «Bahnhöfli» das Essen bestellt. Der Chef Blumer oder der Wiier-Chueret meldeten die Anzahl der Mittagsgäste. Einmal vergassen die beiden ihre Männer anzumelden. Plötzlich wurde die Türe aufgestossen, und eine Gruppe von Schneeschöpfern verlangte zu Mittag zu essen. Wir waren überrumpelt, aber Didi beeilte sich, so gut es konnte. Aber selbst eine Suppe zu wärmen und Schüblige heiss machen braucht seine Zeit. So zog sich die Mittagszeit über das gewöhnliche Mass in die Länge. Plötzlich erschien der Chef Mathias Blumer. Es war ihm anzumerken, dass er ungehalten war, und er gab dem auch Ausdruck. Wahrscheinlich nahm er an, die Arbeiter würden die Mittagspause extra lange ausdehnen, um nicht arbeiten zu müssen. Da nahm ich allen Mut zusammen und sagte dem Chef, dass die Arbeiter nicht schuld seien, wir hätten keine Meldung erhalten. Da glättete sich seine Miene, und das Mittagessen konnte in aller Ruhe eingenommen werden.
Es gab noch einen anderen ständigen Kontakt zwischen den Bähnlern und dem «Bahnhöfli». Die Fleischwaren kamen mit der Bahn von der Metzgerei Kern in Ennenda. Beim Kauf des «Bahnhöflis» durch Jakob Freitag hatte dieser mit dem Haus die Verpflichtung übernommen, die Fleischwaren vom Verkäufer der Liegenschaft, Metzger Kern, zu beziehen. Die Fleischwaren wurden telefonisch, zwei- bis dreimal pro Woche, durch Didi bestellt. Manchmal wurde auch für Drittpersonen Fleisch bestellt, vor allem für Leute, die in der Nähe des Bahnhofs oder im Höfli wohnten. Ich war erstaunt zu hören, wie im Glarnerland noch Euter bestellt wurde. Es kamen auch sonst hie und da Leute, die etwas aus unserer Bestellung kaufen wollten. War die Bestellung gemacht, so konnte man annehmen, dass der Korb mit dem Fleisch im Laufe des Tages in Engi ankam. Genau mit welchem Zug das Fleisch zu erwarten war, war ungewiss. Wir mussten uns aber nie sorgen. War etwa das Bahnbüro geschlossen, so hatte sich sicher einer der diensttuenden Bähnler der Sendung angenommen und sie an einen sicheren Ort gestellt. Wenn ich dann zum Bahnhof kam, so hiess es, mein Korb stehe dort und dort. Das fand ich immer wunderbar. Damals sorgten sich die Leute umeinander. Sie sagten nicht: «Das geht mich nichts an, mögen die Hunde das Fleisch fressen!» Nein, jeder war um das Gut des anderen besorgt. – Ich trug dann den Korb in den ehemaligen Verkaufsladen der Metzgerei, die zum «Bahnhöfli» gehört hatte, packte alles aus und legte es an seinen Platz. Didi verkaufte auch hie und da Käse, denn es besorgte sich von der Alp in Elm, auf der seine Brüder Sentenbauern waren, ganze Käselaibe.
Feriengäste, die die Bahn benutzten, gab es nicht allzu viele. Im Winter hatten wir hie und da Skifahrer, die im «Bahnhöfli» einkehrten, um auf die Abfahrt des Zuges zu warten. Oft kehrten Vertreter bei uns ein.
Natürlich hatten wir auch Gäste aus dem Dorf, meist Männer. Die Frauen gingen selten in eine Wirtschaft. Ausnahmen waren Vereinshauptversammlungen oder Feste, etwa die Kilbi, die Älplerkilbi oder der Bremimärt. Da wurde im «Bahnhöfli» der Teppich zurückgerollt, das Grammophon aufgezogen und getanzt. Tanz gab es aber auch nach Lust und Laune, sobald ein paar Paare anwesend waren, die Lust zum Tanzen hatten.
Nach den mit Didi vereinbarten zwei Monaten hatte ich mich in Engi schon gut eingelebt. Der Lohn und das Trinkgeld stimmten für mich; so entschloss ich mich, noch länger im «Bahnhöfli» zu bleiben. Didi, die Wirtin, war mit mir wie eine Mutter; an das Dorf hatte ich mich auch gewöhnt. Der Blick zum Gufelstock hinauf mit den braunen Häusern gefiel mir besonders gut und auch das Haus, in dem ich jetzt wohne. Ich hatte in Engi bei meinen Botengängen viele Menschen kennen und schätzen gelernt.
In Engi lernte ich meinen Mann, Mathias Blumer, kennen. Sobald ich als seine feste «Liebste» galt, gaben mir die Leute kein Trinkgeld mehr. Sie sagten jedesmal: «Das Trinkgeld kann dir dann der Rüti-This bezahlen.» Da aber das Trinkgeld Teil meines Lohnes war, entschloss ich mich, das «Bahnhöfli» zu verlassen und bis zur Heirat noch andere Arbeit zu suchen. Mit Didi Freitag aber, die fast 90 Jahre alt wurde, blieb ich bis zu ihrem Tode herzlich verbunden.
Wegen der Nähe des Restaurants «Bahnhöfli» zum Bahnhof Engi-Vorderdorf und dem Vorbeifahren der Züge waren mir die Geräusche der Sernftalbahn bald vertraut. Sie wurde mir mit der Zeit recht lieb, und so war ich denn auch betrübt, als ihr Ende kam und sie durch Busse ersetzt werden sollte. Am 24. Mai 1969, am Tag, als die Bahn zum letzten Mal fuhr, konnte ich nicht dabei sein. Just an diesem Tag brachte ich nämlich im Kantonsspital Glarus meine jüngste Tochter, Sibylle, zur Welt. Vergessen habe ich die Sernftalbahn nie.
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