Didi Speich-Rhyner

Erinnerungen an die Sernftalbahn.
Von Adelheid Baumgartner.

Es erzählt Didi (Katharina) Speich-Rhyner, *1924, Elm. Das Interview wurde am 9. November 2004 geführt.

Ich heiratete Schaagg aus Liebe, aber ich war auch stolz auf ihn, dass er Bähnler war. Es war etwas Besonderes.

Als wir uns kennenlernten, war ich bei Doktor Zweifel in Schwanden als Magd angestellt. In dieser Zeit sprachen wir oft darüber, ob Schaagg nicht auswärts eine Stelle suchen sollte und wir, nach der Heirat, aus dem Kleintal wegziehen würden. Einmal sprach ich zu meiner Mutter davon. Sie schrieb mir darauf einen Brief und bat mich, doch bei ihnen im Sulzbach zu wohnen. Es mache ihr Kummer, dass wir fortziehen wollten, sie hätte manche Nacht nicht geschlafen.

So entschlossen wir uns, nach der Heirat in meinem Elternhaus zu wohnen,und Schaagg blieb bei der Sernftalbahn. Wir waren in diesem Haus allerdings nicht allein. Die Stube teilten wir mit unseren Grosseltern, und die andere Stube teilten meine Eltern mit einem Bruder, seiner Frau und ihren zwei Kindern. Einzig der Schlafgaden, die Nebenstube, gehörte uns allein. Meine Eltern waren Bauern, und so war es selbstverständlich, dass ich und Schaagg mithalfen, wo es ging. Wir arbeiteten von morgens bis abends.

Das hatte auch Vorteile. Die Anstellung an der Bahn war zwar nach den Jahren der Arbeitslosigkeit sehr begehrt und galt als sicher, aber der Lohn war klein. Durch das Wohnen und Mitarbeiten auf dem Bauernbetrieb der Eltern hatten wir wenigstens immer genug Milch, Butter und Eier. Wir mästeten auch immer ein eigenes Schwein; so hatten wir eigenes Fleisch. Zudem pflanzten wir Kartoffeln und Gemüse. Ich war verantwortlich dafür, dass alles reichte. Ich lernte aber dabei auch sparen und einteilen. Am schwierigsten war es, als die beiden älteren unserer vier Söhne zur gleichen Zeit in der Berufsausbildung waren. Einer, Heiri, besuchte die Verkehrsschule in St. Gallen. Kam er übers Wochenende heim, konnte ich ihm oft nur einen Fünfliber für die andere Woche mitgeben. Aber er klagte nie, und es reichte ihm immer.

Nahe der Haltestelle Schwändi, wo auch die Leute vom Sulzbach ein- und ausstiegen.

Von unserem Haus aus sieht man über den Sernf direkt in die Landstrasse hinüber; so konnte ich jeden Zug vorbeifahren sehen. Ich winkte immer hinüber, wenn ein Zug oder der Turmwagen vorbeifuhr, vor allem, als ich noch jung und frisch verheiratet war. Eines Tages sagte mir der Kummenberg-Schaagg: «Du musst nicht soviel winken. Du winkst nämlich immer dem Falschen, z. B. mir!»

Aber ich schaute oft zur Strasse hinüber, vor allem im Winter, wenn es viel Schnee hatte. Ich vergewisserte mich, ob die Bahn zur richtigen Zeit komme. Fuhr sie nicht zum fahrplanmässigen Zeitpunkt vorbei oder kam sie gar nicht, so wurde ich sofort unruhig und bekam es mit der Angst zu tun. Ich musste viele Ängste ausstehen.

Mein Bruder war Wegmacher. Da rief er eines Abends an und fragte: «Wo ist Schaagg?» Ich sagte: «Ja, der hat Fahrdienst.» Mein Bruder wurde ungehalten und sagte, die Strassenverhältnisse seien prekär und es sei unverantwortlich, dass die Sernftalbahn ihren Betrieb nicht einstelle; er werde in Engi anrufen. Von da an war mir angst und bange. Ich blieb beim Fenster und spähte durch das Schneetreiben nach den Lichtern der Bahn. Als die Lichter der Bahn nie aufleuchteten, nahm ich meinen jüngsten Sohn bei der Hand, und wir liefen in die Schwändi, überquerten die Brücke und beugten uns in der Dunkelheit zu den Geleisen nieder, um zu schauen, ob sie vom Schnee befreit seien und also der Zug, von uns unbemerkt, vorbeigefahren sei. Aber die Geleise waren schneebedeckt. So warteten wir weiter. Mich tröstete die Gewissheit, dass die anderen Bähnler meinem Mann beistehen würden, denn sie bildeten ja eine richtige Schicksalsgemeinschaft, und die Kameradschaft zwischen ihnen war kein leeres Wort. Sie pflegen übrigens auch jetzt nach der Pensionierung gute Kameradschaft. Zum Glück war nichts passiert.

Es gab auch lustige Ereignisse. Schaagg verschlief sich nur zweimal in all den Jahren, die er bei der STB arbeitete. Das eine Mal lagen wir beide noch in unseren Betten in der Nebenstube, als plötzlich die Türe aufging und die Stimme meiner Mutter uns weckte: «Jesses, Schaagg ist ja noch hier!» Auf diesen Weckruf hin schoss Schaagg aus dem Bett, in die Hosen, und in der Eile bemerkte er nicht, dass er die Jacke verkehrt trug. Das gab ein Gelächter! Am Nachmittag wusste man es im Dorf schon, und die Frauen sagten zu mir: «Du hast ihn scheint’s heute morgen zu lange behalten!»

Hatte Schaagg frei, so konnte er mit seinen Kollegen auch «überhoggen». Einmal wurde er sogar nach Chur «entführt», und von dort wurde ich angerufen. Nach dem ersten Schrecken erholte ich mich. Er musste ja schliesslich auch hie und da eine Abwechslung haben.

Für mich gab es auch wunderbare Zeiten. Wir besitzen oberhalb von Sulzbach eine Wiese mit einem Stall darauf. Schaagg nahm immer in der Zeit des Heuens seine zwei Wochen Ferien. Dann stiegen wir, anfänglich nur wir beide allein, hinauf, um die Wiese zu heuen. Später kamen auch die Kinder mit. Dort oben war eine wunderbare Ruhe. Endlich waren wir für uns; wir waren frei und konnten tun und lassen, was wir wollten. Mitten im Heuen konnten wir uns hinsetzen, miteinander sprechen oder die Berge, von denen wir rings umschlossen waren, bewundern. Im Stall gab es eine kleine Küche, wo wir unser Essen zubereiten konnten. Für mich ist dieser kleine Flecken Erde mein Paradies, mein Glück. Jetzt, wo ich nicht mehr so leicht hinaufsteige, schaue ich halt jedesmal, wenn ich ins Dorf gehe, zum Stall und zur Wiese hinauf, und mein Herz freut sich und sehnt sich danach.

Die Umstellung von der Bahn auf den Bus war für uns eine ganz schlimme und schwierige Zeit. Viele, auch ich, konnten nicht einsehen, wieso jetzt die Bahn, mit der wir so sehr verbunden waren, auf einmal nicht mehr gut sein sollte. Wir konnten uns die Veränderungen durch die Zunahme des Autoverkehrs gar nicht vorstellen. Auch Schaagg war unsicher, ob er, der noch nie ein Auto gefahren hatte, mit einem so grossen Bus fahren könne. Er trug sich mit dem Gedanken, die Stelle zu wechseln. Aber von Elm fortzuziehen war unmöglich, denn wir hatten eben erst das Heimwesen von unseren Eltern gekauft. Dann hatte ich in dieser Zeit, 44-jährig, meinen letzten Sohn geboren. Und wie war es mit einer neuen Stelle in Elm? Ich verbrachte schlaflose Nächte und hätte den Verantwortlichen, die die Abschaffung der Bahn beschlossen hatten, am liebsten den Kopf umgedreht. Durch das Zureden seiner Söhne entschloss sich Schaagg, bei der AS1 zu bleiben und sich zum Busfahrer ausbilden zu lassen. Es war hart für ihn. An manchem Abend kam er deprimiert nach Hause, aber er schaffte es.

Von «meiner» Wiese über Sulzbach konnte ich die vielen Veränderungen in Elm gut beobachten, den Bau der Umfahrungsstrasse, des Waffenplatzes, des Gemeindehauses und des Truppenlagers. Alles lag zu meinen Füssen ausgebreitet. Wir waren wirklich in einer anderen Zeit und Welt angekommen.

Weiter: Marie Blumer-Rhyner und Elsbeth Rhyner

  1. Bei den Autobetrieben Sernftal AG, dem Nachfolgeunternehmen der Sernftalbahn. ↩︎

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